Viele Russen leben in einer Kommunalka. Aber wie ist das Leben in so einer Gemeinschaftswohnung?
Ein Erfahrungsbericht
Die Kommunalka – das klingt nach Sowjetunion, Literatur, Abenteuer, dem Russland hinter den Fassaden. Kommunalka- statt Bernsteinzimmer, hieß es für mich sechs Monate lang in St. Petersburg. Von Kommunalka-Komplexen, Kommunalka-Komplotten, Kommunalka-Stalkern und anderen Kommunalka-Komplikationen.
Von Luisa Schulz
Als ich bei meinem Auszug mit meinem großen Koffer aus dem Treppenhaus auf die Straße trat, fielen mir Kuchenklumpen auf den Kopf. So endeten für mich sechs Monate in der Kommunalka. In einem Haus direkt um die Ecke vom Newskij-Prospekt, pink angestrichen, mit Fahnen über dem Eingang. Fast wie eine Botschaft.
Einmal durch die Tür, sah es schon anders aus, die Mauern waren unverputzt, es roch nach kaltem Rauch. Im zweiten Stock öffnete mir ein Mädchen, Natascha*. Zwei Piercings standen ihr wie Nägel aus den Augenbrauen, aber darunter hatte sie ein weiches, schmollendes Kindergesicht. „Willkommen in einer echten russischen Kommunalka.“ Einem Russen hätte sie die Wohnung wohl kaum so feierlich vorgestellt. Ich sehe eine Kommunalka zum ersten Mal, bisher kannte ich sie nur aus sowjetischen Romanen, etwa aus dem „Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow, wo der Teufel mit seinem Gefolge in einer absteigt. Was mir als Erstes auffällt, ist der lange Gang, durch den sich eine Art Tausendfüßler aus Schuhen zieht. Die Wände sind bedeckt mit Tapeten aus Großmutters Zeiten und inseitig verlegten Rohren. Die Badewanne steht in der Küche. Darüber gurgelt ein enormer Durchlauferhitzer. Es drängen sich geschirrüberladene Tische in dem Zimmerchen, auf dem Schrank thronen ein Samowar und ein riesiger Kessel.
„Du hast gesagt, dass du nicht viel Geld hast“, sagt Natascha, während sie uns Tee kocht. „Willst Du vielleicht mein Zimmer teilen? Das wäre günstiger.“ Sie besteht darauf, es mir zu zeigen.
“Vier Wände und ein Bett. Aber immerhin, es gibt Wände”
Es ist groß. Natascha hat ein Informatikstudium abgebrochen, jetzt verbringt sie ihre Zeit damit, sich für Gothic-Kult und Deutschland zu interessieren. Poster der deutschen Bands „Samsas Traum“ und „Umpff“ zieren die Wände. Seltsam ist, dass noch ein Typ herumsitzt, versunken unter großen Kopfhörern, der mir nicht vorgestellt wird. Erst nach einem Moment begreife ich, dass er auch in diesem Zimmer wohnt. Mit drei Räumen ist diese Kommunalka vergleichsweise klein. In den meisten Ländern der früheren Sowjetunion waren es fünf bis acht, manchmal sogar bis zu 18 Zimmer, mit meistens je einer Familie darin. In meiner gibt es nur sieben Personen. In Zimmer eins wohnt ein junges Pärchen mit der Mutter des Mädchens. In Zimmer zwei Natascha, Artjom, der andere Typ und bald noch ein Mädchen. Das dritte Zimmer ist für mich – sehr kompakt. In den schlechtesten Zeiten in der Sowjetunion sollte ein Raum mindestens noch vier Quadratmeter Platz pro Kopf bieten, hier ist es kaum mehr. Vier Wände und ein Bett. Aber immerhin, es gibt Wände. Und ein großes Fenster, das fast eine ganze Seite einnimmt. Mit Blick auf Bäume im Hof. Ich finde es charmant und nehme es.
Die Zimmerübergabe ist reiner Geldtransfer: Am Bahnhof ziehe ich 11 000 Rubel aus dem Bankautomaten, drücke Natascha das Bündel in die Hand, mit dem sie wieder einen Automaten füttert. Es ist wohl üblich, in einer Kommunalka keinen Mietvertrag zu haben. Später soll ich das bereuen, als mir noch Geld für Internet und Licht abgeknöpft wird. Oder als es plötzlich heißt, der Vermieter, den ich im Übrigen nie persönlich treffe, wolle doch eine Kaution von mir.
Für jemand anderen endet dieses Mietverhältnis auf Handschlag übler als für mich. Artjom ist schon länger pleite und steckt Natascha nur noch abends ein paar Rubelscheine zu, wenn er von der Arbeit in der Sushibar nach Hause kommt. Er hat so wenig Geld, dass er von mir Kaffee und Nudeln borgt. Eines Abends, ich koche gerade, sind große, stämmige Kerle bei Natascha zu Besuch. Übliche Trinkrunde, denke ich. Es ist nach Mitternacht. „Entweder du findest über Nacht das Geld, oder du bist morgen früh weg“, sagt einer plötzlich. Ich höre Natascha: „Ich hatte im Winter Mitleid mit dir. Aber jetzt ist es nicht mehr so schlimm …“ Am nächsten Morgen ist Artjom verschwunden. Er kommt nicht mal zurück, um seine Sachen zu holen.
Eine Kommunalka ist keine deutsche WG. Mit dem Pärchen, zwei Programmierern stehe ich oft gleichzeitig in der Küche. Ihre Namen kenne ich nach einer Woche noch nicht. Irgendwann schaffe ich es, mich vorzustellen. Bald wechseln wir sogar ein paar Worte. Beim Kochen. Über das Kochen. Diese Diskretion lerne ich noch zu schätzen. Als Artjom weg ist, zieht in Zimmer zwei ein neuer Mieter ein. Andrej ist neunzehn, dünn wie ein Glimmstengel und trägt schwarze Kluft wie Natascha. Als ich ihn das erste Mal im Flur sehe, sagt er kein Wort, er starrt mich nur an. In der selben Nacht gesteht er mir seine Liebe, als ich Geschirr spüle. Ein Mädchen aus Deutschland, er sei ganz platt. Ich müsse zurück in mein Zimmer, sage ich, noch arbeiten. „Kann ich dabei neben dir sitzen?“
“Wer behauptet, in Russland werde über das Wichtige nicht gesprochen,
hat noch keine Nacht in einer Kommunalka verbracht”
Verneinen bringt nicht viel. Bis sechs Uhr morgens klopft er halbstündlich an meine Tür, weckt mich damit jedes Mal auf und fragt, ob ich mit der Arbeit fertig sei. Ich sage immer nein. Nachts zu schlafen ist in unserer Wohnung sowieso nicht populär. Die Küche ist dabei ein Ausweichort für alle. Andrej ist fast immer da, brät sich um zwei Uhr nachts noch Grenki, Brot in der Pfanne. Auch Natascha sitzt nachts oft dort, trinkt Tee und guckt lustlos vor sich hin. Dazu komme ich, die ich mangels Stuhl und Schreibtisch in meinem Zimmerchen nicht arbeiten kann. In anderen Nächten dringen um elf, zwölf Uhr plötzlich laute Stimmen und Gläserklirren aus der Küche. Meist sind Freunde von Natascha da, oft langhaarige, bärtige Kerle. In meinem Zimmer ist an Schlafen nicht zu denken. Manchmal vermeide ich es stundenlang, es zu verlassen. Denn sobald ich im Gang bin, gibt es kein Zurück. Sofort drückt mir jemand etwas zum Essen in die Hand, abgepackte Salate oder Bliny. Und es gibt Bier, Wodka oder selbstgebrannten Absinth.
Es wird aber nicht nur getrunken in diesen Nächten, sondern auch geredet. Über alles, nein nicht ganz: Nur über große Themen. Von der Liebe bis zum Tod, von Puschkin bis Putin. Wer behauptet, in Russland werde über das Wichtige nicht gesprochen, hat noch keine Nacht in einer Kommunalkaküche verbracht. Auf Russisch gibt es dafür sogar ein Wort: kuchonnaja politika, Küchenpolitik. Wer am nächsten Morgen schlafen geht, weiß, was die anderen alles denken, und hat sie alle umarmt. Für mich ist es schon ein Abenteuer, diese Wohnung zu teilen. Aber wie, frage ich mich, können meine Nachbarn sich sogar das Zimmer teilen? Der Geist der Kommunalka diktiert: aller Platz wird genutzt. Man kann sich wohl glücklich schätzen, dass man ein Zimmer sein Eigen nennt. In der Erzählung „Die Krise“ des sowjetischen Satirikers Michail Soschtschenko wird jemandem das Bad vermietet. In „Myschins Sieg“ von Daniil Kharms schläft einer auf dem Fußboden im Flur – gegen Cash. Wenn man Nataschas Zimmer betritt, kommt man nicht umhin zu bemerken, dass doch alle versuchen, sich einen Schlupfwinkel zu schaffen. Natascha lebt auf ihrem Bett, ihre Mitbewohner wahlweise versunken hinter Notebooks oder aufgehängten Tüchern wie in einer Art Höhle. Ein bisschen ist es wie beim Petersburger Dichter Joseph Brodsky, der in seinen Memoiren beschreibt, wie er mit seinen Eltern in der Kommunalka lebte. Er baute sich Wände aus Bücherregalen.
“Auch Natascha teilt ihr Bett, und zwar fast jede Nacht mit einer anderen Person”
Die Wahrheit ist, dass in Nataschas Zimmer bei weitem nicht nur drei Personen wohnen. Ein dauergrinsender Philologiestudent, der Freund der Mitbewohnerin, ist ständig da. Er schläft sogar dort. Auch Natascha teilt ihr Bett, und zwar fast jede Nacht mit einer anderen Person. Manchmal pennen Freunde von ihr auch für ein oder zwei Wochen dort, wenn sie sonst keinen Schlafplatz haben. Dieser Umgang mit Intimität ist das, was mich an der Kommunalka am meisten frappiert. Es gibt doch Dinge, grüble ich mit meiner deutschen Prüderie, für die ist man gern zu zweit, ohne Publikum im Raum. Als wir das Thema einmal streifen, stempelt mich Natascha als zimperlich ab. Brodsky schreibt in seinen Memoiren, er habe sich schlafend gestellt, wenn seine Eltern sich im Kommunalkazimmer liebten. Heutzutage gibt es dafür wohl MP3-Player.
In einem Stück des sowjetischen Schriftstellers Walentin Katajew mit dem Titel „Die Quadratur des Kreises“ teilen sich zwei Singlemänner ein Zimmer. Eines Tages kommen beide frischvermählt mit ihrer neuen Herzdame nach Haus. Oh nein, denke ich, als ich das Stück im Theater sehe, wie soll das nur enden. Ich denke an „Huis Clos“, das westliche Kammerspiel von Jean Paul Sartre, für den das Teilen eines Raums von einem Mann mit zwei Frauen das Siegel der Hölle ist. Das Gegenteil bei Katajew: Es geht lustig zu, es kommt zum Partnertausch mit Happy End.
“Nach anfänglich vorbildlichem Putzen und Aufräumen verliere ich bald die Lust”
Zimmer eins ist in dieser Hinsicht übrigens nicht weniger erstaunlich, da das junge Programmierpaar auf die Rücksichtnahme der Schwiegermama angewiesen ist. Abends ziehen sie sich einträchtig zu dritt in das kleine Zimmer zurück, aber morgens sitzt die Mama oft schon zu früher Stunde in der Küche und liest Romane. So kann man sich offenbar auch bei dieser Konstellation arrangieren. In den Kommunalkas der Sowjetunion gab es immer eine Leiterin. Bei uns ist das Natascha. Sie treibt das Geld ein. Sie hält immer allen vor, was sie besser machen können, ob beim Kochen oder beim Waschen. Für die Jungs bereitet sie große, dampfende Suppen und füttert sie, etwas mitleidig, wie Hunde oder Katzen. Manchmal schimpft sie laut mit ihnen; sie verteidigen sich nie. Trotz Korsett und Springerstiefeln kann man schon die russische Matrone in ihr sehen.
Diese besondere Rolle, die Frauen in der Kommunalka einnehmen, ist auch der Grund, warum es mit mir zum Eklat kommt. Nach vorbildlichem Putzen und Aufräumen in meinen ersten Wochen, verliere ich angesichts der schmuddeligen Zustände bald die Lust dazu. Was ich dabei vergesse, ist, dass ich ein Mädchen bin. Auf Nataschas Vorwurf bei meinem Auszug entgegne ich, die anderen Mitbewohner hätten ja auch nicht gerade Putzzwang. „Ja, aber du bist eine Frau!“, faucht sie mich an. Das passierte, bevor sie mich mit dem Besen aus der Wohnung scheucht und mir, als ich auf der Straße bin, den Kuchen aus dem Fenster hinterherwirft. Es war der Kuchen, den ich für meine Mitbewohner zum Abschied gebacken hatte.
*alle Namen geändert.

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3 Antworten
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Herrlich! Bitte mehr solcher Stimmungsbilder. Sehr einfühlsam geschrieben. Große Beobachtungsgabe. Meine Hochachtung.
Dies ist eine notwendige Erfahrung,die die Menschen zusammen bringt und die soziale Kompetenz erhoeht.
Es hat Spaß gemacht den Text zu lesen! Auch wenn deine Erfahrungen in der Kommunalka ja nicht gerade immer spaßig waren.
Vielen Dank.