| Kampf gegen Windmühlen Die russische Anti-Piraten-Organisation steht auf verlorenem Posten Moskauer Deutsche Zeitung 2010-07-30 | Autor: Helene Wulf Foto: Helene Wulf |
300 Rubel und Shrek kommt zu Ihnen nach Hause. Der aktuelle Teil des Animationsschlagers made in USA ist auf dem russischen Markt für wenig Geld zu haben. Die DVD liegt in einem beengten Laden am Ismajlowskij-Park. Das Cover glänzt, die Hülle ist eingeschweißt. Wer es nicht weiß, könnte die DVD glatt für ein Original halten. Ist sie aber nicht. Sie gehört zu den Abermillionen Raubkopien, die jährlich den russischen DVD- und CD-Markt überschwemmen. Der Student hinterm Tresen gibt sich ahnungslos. Er hat keine Ahnung, woher die schwarz gebrannte Ware kommt. Offenbar will er es auch gar nicht wissen. Zumindest über die Herstellungs- und Vertriebswege weiß die RAPO, die russische Organisation zur Bekämpfung der Piraterie, gut Bescheid. Es sind nicht ausschließlich kriminelle Betriebe, die Raubkopien herstellen. Solange eine lizensierte Firma Aufträge hat, produziert sie legale DVDs und CDs – inklusive des vorgeschriebenen Wasserzeichens, das Informationen zum Hersteller verrät. Wenn jedoch Auftragsflaute herrscht, pressen die Unternehmen schon mal für nicht offizielle Kunden. „Die Betriebe nehmen dann die Vorrichtung ab, die für den Druck des Wasserzeichens verantwortlich ist“, sagt Oleg Abramow, Mitarbeiter der RAPO. Die Fahnder der Anti-Piraten-Organisation und der Polizei sind gefordert. Sie verfolgen die Vertriebswege der kleinen Läden und hoffen, dass sie die Lieferwagen irgendwann zum „Schwarzbrenner“ führen. Erst vor kurzem hat die RAPO in Moskau ein Lagerhaus ausgehoben – randvoll mit 3,5 Millionen illegalen DVD-Kopien. Selbst der erfahrene Piratenjäger Abramow klingt verblüfft. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“ Die Ware war für den Transport bereits in Kisten verpackt, die Zielorte waren über ganz Russland verteilt. „Für einige Zeit werden die Geschäfte, die illegal kopierte DVDs verkaufen, Ebbe haben. Wir haben den ganzen Bestand beschlagnahmt“, sagt der RAPO-Mitarbeiter. Momentan führt die RAPO in Moskau wieder einmal ein so genanntes Monitoring durch, um herauszufinden in welchen Geschäften Piratenware verkauft wird und wo es sich bei den Disks um Originale handelt. Der RAPO stärkste Waffe: Ein Verwarnungsbrief und die Ankündigung einer wiederholten Kontrolle. „Oftmals verschwinden die illegal kopierten DVDs dann aus den Läden. Aber wenn sich die Situation wieder beruhigt hat, wird die Ware wieder gegen Raubkopien ausgetauscht“, berichtet Oleg Abramow. Laut der Motion Pictures Association, einer internationalen Vereinigung von Filmstudios, gehen der russischen Filmindustrie durch Raubkopien jährlich etwa eine 200 Millionen Dollar verloren. Ungefähr 65 Prozent der verkauften Ware soll illegal sein. Das russische Gesetz verdonnert einen Raubkopierer zu bis zu sechs Jahren Gefängnisstrafe. Allerdings wird das Gesetz nicht strikt umgesetzt. „Es mag an der Korruption liegen oder auch an den zurzeit stattfindenden Reformen der Polizei“, sagt Oleg Abramow. Die kleinen Läden, die seit vielen Jahren an ein und derselben Stelle schwarz gebrannte CDs, DVDs und Computerspiele an den Mann bringen, müssen ihm wie Don Quichotes Windmühlen erscheinen. „Sie sind weder versteckt noch schwierig zu finden. So wird unter den Augen der Behörden mit illegaler Ware gehandelt.“ Raubkopien haben in Russland eine lange Tradition. Legale Ware ist oft teurer als in Europa. Das nicht mehr ganz aktuelle Album „The Fame“ der US-amerikanischen Sängerin Lady Gaga kostet in Deutschland höchstens sechs Euro. In Moskau verlangen die Läden für das Original immer noch bis zu 24 Euro. „Dann doch lieber eine Raubkopie“, mag sich mancher Fan denken. Oder gleich ein illegaler Download aus dem Internet. Musik aus dem World Wide Web liegt im Trend. Nicht zufällig stehen in den illegalen Shops fünf Mal so viele DVDs wie CDs, Filme holt man sich von der Straße, Musik aus dem Netz. Was der RAPO auf Russlands Straßen nicht gelingt, kann sie auf der Datenautobahn nicht aufholen. „Wir versuchen mit den Betreibern der Internetseiten zu verhandeln und sie zu überzeugen, den illegalen Datenaustausch nicht zu unterstützen", sagt Oleg Abramow. Er sagt es nicht, aber es wird deutlich: Es ist ein aussichtsloses Unterfangen. Eine gute Nachricht kann der RAPO-Mann dann doch verkünden: In Moskau steigt die Zahl der Läden mit lizenzierten Disks an. In der Hauptstadt, schätzt der Experte, ist das Verhältnis illegaler und legaler Geschäfte mittlerweile ausgewogen. Aber in ländlichen Regionen greifen die Menschen immer noch überwiegend zu Raubkopien. Dort, so Abramow, verkaufen 70 bis 80 Prozent der Geschäfte die billige Massenware. |