| Vorwärts im Rückwärtsgang Der Aufstieg auf den Moskauer Fernsehturm ist ein Nachruf auf den Geist der Sowjetzeit Moskauer Deutsche Zeitung 2010-07-29 | Autor: Sergej Kossjakow Foto: Tino Künzel |
Der Kindertraum ging vor einigen Tagen in Erfüllung. Im Internet meldete ich mich für eine einstündige Exkursion an – derzeit die einzige Möglichkeit, dieses Monumentalwerk sozialistischer Baukunst zu besuchen. Weder der stolze Preis von 650 Rubel (17 Euro) noch drei Passkontrollen schreckten mich ab. Doch als die Besichtigung beginnen sollte, wurde es seltsam. Ein Mitarbeiter trommelte uns Neugierige zusammen: „Alle mal hergehört hier, ich habe Ihnen was zu sagen, und wer nicht die Ohren aufsperrt, der kann sich die Exkursion abschminken!“ Im Verlaufe von zehn Minuten bekamen wir erklärt, dass der Fernsehturm ein strategisches Objekt ist, dass Taschen in die Gepäckaufbewahrung gehören und dass wir uns unauffällig zu verhalten hätten. Im ersten Stock klärte man uns dann über die Benimmregeln während der Führung auf und zeigte ein Video zum Brandschutz. So vergingen weitere 15 Minuten. Auf der Aussichtsplattform in 337 Meter Höhe lauschte unsere Gruppe einer kurzen Erzählung, die Wikipedia alle Ehre gemacht hätte und dabei nicht frei war von Desinformation. So wurde behauptet, der Moskauer Fernsehturm sei das dritthöchste freistehende Bauwerk der Welt. Irrtum, schon das vierthöchste. Dann wurden uns ganze zehn Minuten eingeräumt, um Moskau von oben zu bewundern. Das stellte sich allerdings auch erst später heraus, denn auf die Frage, wie viel Zeit wir auf der Plattform verbringen dürften, hatte es geheißen: „Bis ich Sie rufe.“ Und als ich wissen wollte, wann das Restaurant eröffnet werde, das es schon einmal gab, ließ die Antwort nicht auf sich warten: „Das werden Sie schon rechtzeitig erfahren.“ Kein Wunder, dass sich die Exkursionsteilnehmer bei der Rückfahrt nach unten auf die Fahrstuhldame stürzten und sie mit Fragen bombardierten. Doch die gute Frau zuckte nur mit den Schultern: „Ich arbeite hier noch nicht lange und kann Ihnen nichts sagen.“ Welches Jahr haben wir eigentlich? Das, was Besuchern in Ostankino geboten wird, ist ein Triumph der Sowjetmentalität mit ihrer Dreistheit, ihrem Formalismus und ihrer Ignoranz, wie sie für den Alltag charakteristisch waren. Und ich dachte mir auf einmal: Wer die UdSSR nicht erlebt hat, für den ist diese Exkursion eine Zeitreise in die Vergangenheit. Kostprobe des Sozialismus gefällig? Herzlich willkommen! |