Medwedew, der Häuslebauer - MDZ-Moskau
Medwedew, der Häuslebauer
Raus aus dem Hochhaus, rein ins Eigenheim – so will es ein staatliches Programm
Moskauer Deutsche Zeitung 2010-07-26
Autor: Jelena Issajewa
Foto: arenda.shazar.uz


„Jeder Familie — ein eigenes Haus“. Dieses Motto klingt verdächtig nach einem ähnlichen Slogan aus der Sowjetzeit: „Jeder Familie — eine eigene Wohnung“. Doch der Spruch ist brandaktuell — und durchaus ernst gemeint. Der russische Präsident Dmitrij Medwedew hat eigens für dieses Ziel den Föderalen Fonds zur Unterstützung des Wohnungsbaus gegründet. Der Fonds kassiert Land von staatlichen Behörden und Ministerien ein. Auf diesem Grund und Boden sollen die Russen ihren Traum vom eigenen Häuschen erfüllen. Dabei ist noch nicht einmal klar, ob genügend Russen diesen Traum träumen.


Los geht es – natürlich – in und um Moskau. Geplant wird im großen Stil. Eine Fläche größer als Zypern stellt die Regierung hauptsächlich jenseits des Stadtrandes zur Verfügung. Dort sollen die Hauptstadtbewohner in den kommenden Jahren ihre Eigenheime beziehen. Im nächsten Jahr werden laut Planung etwa 140.000 Häuser errichtet, im darauffolgenden 200.000. Woher in einer Region des chronisch begrenzten Raumes der Platz für die schmucken Häuschen kommen soll? Genau da beginnen die Probleme. Ministerien und staatliche Behörden werden verpflichtet, etwas von ihrem Grund und Boden abzugeben.


Landstücke, die „ineffektiv“ genutzt werden, sollen dem Wohnungsbau-Fonds übereignet werden. So steht es in der präsidialen Verordnung. Der Fonds gibt die Landstücke dann weiter an die Bezirksregierungen, die die Bauarbeiten ausführen lassen und die Häuser an den Mann bringen. Doch nirgendwo ist erklärt, was denn eine „ineffektive“ Nutzung eines Bodens ist. Ministerien und Behörden werden sich nicht ohne weiteres von Grund und Boden trennen. „Sie werden versuchen, so viel wie möglich zu verstecken“, sagt Wjatscheslaw Glasytschew, Professor an der Moskauer Hochschule für Architektur und Mitglied der öffentlichen Kammer. Das mag auch zum Teil damit zusammenhängen, dass einige Behörden dieses Land heimlich vermieten oder dort bereits illegal Einfamilienhäuser gebaut haben.


Dass die russische Wirtschaft überhaupt in der Lage ist, so ein riesiges Bauprojekt zu stemmen, wird von einigen Experten angezweifelt, darunter Alexander Kriwow, dem Präsidenten des Nationalen Städtebaulichen Vereins. Allein mit dem Bauen und Verkaufen ist es nämlich nicht getan. „Das Land muss erschlossen, eine passende Infrastruktur errichtet werden“, sagt Kriwow. Die Regierung müsste dafür jedes Jahr etwa 50 Milliarden Euro investieren. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Wirtschaft im Moment für so ein Projekt bereit ist.“


Hausbesitzer seien bessere Menschen, argumentiert die russische Regierung. Sie besäßen etwas, das sich zu schützen lohnt, seien im allgemeinen sozialer eingestellt. Und während die Gründer und Ideengeber des Fonds hoffen, dass mit dessen Hilfe auch die Besiedlung einsamer Flecken in Russland vorangetrieben werden kann, erwarten sie gleichzeitig, dass ihr Traum auch der Traum vieler Russen ist. Doch genau das ist bislang noch unklar.


Statistiken besagen, dass in Russland 77 Prozent der Bevölkerung in einer Hochhauswohnung leben, der Rest besitzt ein eigenes Häuschen. Dennoch ist die Nachfrage nach Eigenheimen nicht gerade hoch. Das weiß offenbar auch die Regierung. Man werde zuerst das Angebot machen und dann die Nachfrage anheizen, heißt es. Eine große Werbekampagne wird das Projekt begleiten. Ob Reklame die Russen zum Umzug überreden kann, ist ungewiss. Präsident Dmitrij Medwedew sprach davon, dass ein Quadratmeter Eigenheim etwa 510 Euro kosten wird, andere Experten rechnen eher mit 770 Euro pro Quadratmeter. „Viel zu teuer“, sagt Alexander Kriwow. „Die Häuser werden unmöglich alle verkauft.“


Im Moment werden Baufirmen gesucht, die die ehrgeizigen Pläne der russischen Regierung umsetzen. Zwei wurden bereits gefunden, eine davon „Mospromstroj“. Das Unternehmen baute unter anderem das Weiße Haus, in dem Ministerpräsident Wladimir Putin residiert. Um den beteiligten Firmen mehr Sicherheit zu geben, hat sich die Regierung bereit erklärt, später 35 Prozent der Häuser selbst aufzukaufen und an die Bevölkerung weiterzuverkaufen. Vorausgesetzt, diese will ein Haus auf dem Lande und kann es sich auch leisten.

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