Gelobt sei die gute alte Zeit - MDZ-Moskau
Gelobt sei die gute alte Zeit
In Myschkin an der Wolga treffen sich einmal im Jahr Gleichgesinnte aus ganz Russland, um eine vorrevolutionäre Familienkultur wiederzubeleben
Moskauer Deutsche Zeitung 2009-09-02
Autor: Tino Künzel
Foto: Tino Künzel


Als die Nacht über Myschkin hereinbricht, füllt sich eine Wiese zwischen Sportplatz und Steilufer der Wolga mit Menschen in altertümlicher Tracht. Das sind die Teilnehmer des Festivals „Familienkreis“. Sie nehmen sich bei der Hand und – tanzen. Beschienen vom Mond, der ein wenig Licht auf die Szene wirft. Umschwirrt von Mücken, die sie nicht zu bemerken scheinen. Stundenlang, ohne müde zu werden. Die Musik kommt von einem Akkordeon. Getanzt wird, was 100 und mehr Jahre alt ist. Nicht alle kennen sich aus damit. Man unterrichtet sich gegenseitig. Später geht das Vergnügen am Lagerfeuer weiter, das andere inzwischen entfacht haben. Bei dem Festival, das seit drei Jahren auf private Initiative stattfindet, macht jeder, was er kann oder gern können möchte.


Eine Woche lang lassen 200 Interessierte vornehmlich aus Moskau, aber auch aus anderen russischen Regionen und sogar Nachbarländern die Zeit ihrer Vorfahren für sich wieder auferstehen. Traditionelle russische Familienkultur, die den Sowjets suspekt war und von ihnen an den Rand gedrückt wurde, die es aber auch heute schwerhat, weil sie schon zu viele Generationen nicht mehr am eigenen Leibe erlebt haben und weil der moderne Mensch nicht glaubt, dass ihm das 19. Jahrhundert Antworten auf seine Fragen bieten kann. In Myschkin, einem idyllischen Provinzstädtchen 250 Kilometer nördlich von Moskau, nehmen sich die Festivalteilnehmer in ihren Gewändern allerdings mitnichten kostümiert aus, sondern völlig natürlich. Sie haben ihr Zeltlager auf dem Gelände eines Kinderheimes aufgeschlagen – vor allem junge Familien mit überwiegend kleinen Kindern, kaum Alte, kaum Jugendliche. Die meisten sind gewöhnliche Städter mit gewöhnlichen Berufen, mehr oder weniger aktiv in der orthodoxen Kirche, von missionarischem Eifer aber weit entfernt. Dafür geben sie sich mit unendlicher Ausdauer dem Tanz und Gesang hin, spielen alte Spiele, betätigen sich in alten Gewerken, erklären sich in großer Runde gegenseitig den Kanon örtlicher Gebräuche bei der Bekleidung, zeigen ihren Kindern, wie man Brot bäckt, Heilpflanzen sammelt, Bier braut, Haushaltsgeräte herstellt, mit Tieren umgeht. Die Gute-Nacht-Geschichte ist obligatorisch.


Den Veranstaltern, Anna und Alexander Smirnow aus Myschkin, geht es nicht nur um Folklore. Für sie ist das Festival eine Weltanschauung, es soll die Familie als Keimzelle der Gesellschaft stärken und die Teilnehmer ermutigen, ihr Leben in vollen Zügen zu leben. Was er darunter versteht, hat Alexander Smirnow der MDZ erzählt.



Alexander hat Drogen genommen, als er jünger war. Er kam von der Armee zurück und wusste nichts mit sich anzufangen, also probierte er alles durch, von den Punks bis zu den Skinheads. Sein Körper ist von fragwürdigen Tattoos übersät. Der Glaube habe ihn geläutert, sagt der 35-Jährige, der eine Kunstfachschule abgeschlossen hat und als Schmied in einem der Myschkiner Museen arbeitet. Irgendwann ist er von Moskau nach Myschkin umgezogen. Heute hat er drei kleine Kinder, das vierte ist unterwegs. Die Familie wohnt in einem Holzhaus mit Garten am Ortsrand.



Alexander, was hat Sie bewogen, ein solches Festival ins Leben zu rufen?

Die Bolschewisten haben die traditionelle russische Zivilisation zerstört. Als erstes sind die Geistlichen ins Lager geschickt worden und gleich danach die Akkordeonspieler, weil sie mit ihrer Musik die Leute zusammengebracht haben. Nationaltracht zu tragen, galt als reaktionär. Man hat versucht, alles Schöpferisch-Eigenständige auszutilgen. Wir wollen den Leuten ihre Kultur zurückgeben, möchten das Familienleben bereichern, den Kindern beibringen, wie man auch ohne Drogen und Alkohol Freude haben und Selbstvertrauen gewinnen kann. Nicht durch Zuschauen, nicht durch Konsumieren, sondern durch Beteiligung. Das ist eine Kultur, wie sie zu jener Zeit auf dem Dorf gang und gäbe war.


Doch die meisten leben heutzutage in der Stadt. Dort wirkt es allein schon sonderbar, eine Tracht anzuziehen. Verurteilt das Ihr Festival nicht dazu, ein reines Freizeitvergnügen zu sein?

Oft ist das tatsächlich so mit der Folklore: Man sitzt zusammen, singt, trinkt etwas – und am nächsten Morgen geht es ins Büro wie immer. Wie man diese beiden Leben zusammenbringt, muss jeder für sich entscheiden. In der Stadt verliert sich vieles, Eltern und vor allem Väter haben nicht zuletzt verlernt, mit ihren Kindern zu spielen. Viele unserer Teilnehmer träumen davon, aufs Land zu ziehen oder wenigstens in eine Kleinstadt, allerdings als Gemeinschaft, um nicht allein zu sein. Beispiele dafür gibt es, sowohl gelungene als auch misslungene. Wir als Familie haben unsere Wahl getroffen und werden oft beneidet.


Ein Zurück zur Einfachheit, zur Abgeschiedenheit?

Vieles geht in der Tat nur über körperliche Arbeit. Natürlich war früher nicht alles besser, aber der Fortschritt ist häufig genauso zweifelhaft. Wir zum Beispiel würden uns gern eine Ziege halten und Hühner, fragen uns jetzt, ob wir das wohl schaffen. Man macht sich geradezu lächerlich vor den Alten.


Wie ist es mit den Segnungen der Zivilisation? Computer? Mobiltelefone?

Wir leben ja in dieser Zivilisation, unsere Kinder tun das auch. Die „Segnungen“ sind ein Instrument, dessen man sich bedienen kann oder auch nicht. Wir haben viele Freunde, die kein Fernsehen schauen, die ihren Kindern nicht erlauben, im Internet zu surfen oder ausländische Schundtrickfilme zu schauen. Wir „zensieren“ bei uns zu Hause auch, lassen unsere Kinder am Computer nur Lernspiele spielen, erklären ihnen alles. Im Übrigen glauben wir, dass der technische Fortschritt der traditionellen Kultur weniger schadet als in unserer zerrissenen Gesellschaft vieles erleichtert. Man muss nur Maß halten.


Woher kennen die Teilnehmer Ihres Festivals eigentlich die Volkslieder, die gemeinsam gesungen werden?

Einige sparen das ganze Jahr, um im Sommer auf große Tour über die Dörfer zu gehen und diese Lieder zu sammeln, um sie vor dem Verschwinden zu bewahren. Einige haben sich damit zu Studentenzeiten beschäftigt, einige tun das heute auch von Berufs wegen. Manche haben dieser Arbeit Jahrzehnte ihres Lebens gewidmet, das sind echte Helden. Geradezu tragisch ist es, dass es keine Fonds gibt, um diese Sammlungen aufzubewahren und aufzubereiten. Sie lagern teils in Stadtbibliotheken, gehen verloren. Wir haben uns sogar an die Bürgerkammer gewandt, damit diese wertvollen Arbeiten geschützt werden. Man hat einen Gesetzentwurf dazu verabschiedet, wahrscheinlich stellt man uns irgendwann einen Haufen Geld zur Verfügung – wenn es endgültig zu spät ist.



Die Fragen stellte Tino Künzel.

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