Heißer Sommer - MDZ-Moskau
Heißer Sommer
Der Ukraine droht ein neuer Konflikt – wenn sie es jetzt nicht schafft, ihre Gasspeicher zu füllen
Moskauer Deutsche Zeitung 2009-07-20
Autor: Roman Schell
Foto: RIA Nowosti

Die von der Wirtschaftskrise besonders stark betroffene Ukraine hat Schwierigkeiten, ihre Gas-Rechnungen zu begleichen. Anfang Juli konnte sie erst in letzter Minute einen fälligen Betrag von 200 Millionen Euro an den russischen Staatskonzern Gasprom bezahlen und damit eine erneute Gaskrise abwenden. Denn jetzt müssen die Ukrainer die unterirdischen Gasspeicher für den Winter auffüllen. Bleiben die Tanks leer, ist die Weiterleitung des Rohstoffs Richtung Westeuropa unmöglich. Gasprom droht mit einem neuen Lieferstopp, falls Kiew nicht zahlen sollte. Die nächste Rechnung muss schon im August bezahlt werden. Der IWF stellt nun die dritte Tranche eines an bestimmte Auflagen gebundenen Kredits in Aussicht. Trotzdem machen sich die Europäer auf das „Schlimmste gefasst“.



Jeden Monat tickt die Uhr für die Ukraine. Bisher schaffte sie es immer in letzter Minute, ausstehende Zahlungen für russische Gaslieferungen fristgerecht zu begleichen. Anfang Juli hat der russische Konzern Gasprom die letzte Überweisung aus Kiew bestätigt. Ob der staatliche Gasversorger Naftogas auch im August zahlen kann, ist aber offen. Das Land steht vor dem Bankrott.


Die Ukrainer bitten den Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Absicherung der russischen Gaslieferungen um die dritte Tranche eines im Herbst vergangenen Jahres zugesagten Überbrückungskredits, der sich insgesamt auf 16,4 Milliarden Dollar beläuft. Laut einer Meldung von RIA Nowosti hat die Leiterin der IWF-Vertretung in der Ukraine, Ceyla Pazarbasioglu, diesen Teilbetrag in Höhe von 3,3 Milliarden Euro nun in Aussicht gestellt. Im Gegenzug soll Kiew sein Haushaltsdefizit einschränken.


Europäische Geldhäuser wollen der ehemaligen Sowjetrepublik erst unter die Arme greifen, wenn das Transitland den eigenen Gassektor reformiert. Die Ukraine wird dafür kritisiert, dass ihre Pipelines modernisierungsbedürftig und die Gasgeschäfte wenig transparent sind. Moskau will sich nur gemeinsam mit der EU an einem Kredit beteiligen.


So wächst mit jedem Tag die Gefahr, dass es im nächsten Winter wieder zu Gas-Engpässen in Westeuropa kommt. Die finanziell angeschlagene Ukraine ist auf Sparkurs. Das Transitland spekuliert auf einen sinkenden Gaspreis und kauft so wenig des Rohstoffs wie möglich. Nur läuft ihr jetzt die Zeit davon, die eigenen Gasspeicher für die kalte Jahreszeit noch rechtzeitig voll zu bekommen. „Das ist aber enorm wichtig für die störungsfreie Durchleitung des Gases gen Westen“, betont Rohstoffexperte Dmitrij Alexandrow von der Investmentgesellschaft Financial Bridge. „Es dauert länger als ein paar Wochen, die unterirdischen Tanks aufzufüllen —

üblicherweise macht man das im Laufe von sechs Monaten, also von April bis Oktober. Und mindestens ein Drittel der Lager muss voll sein, damit es bei der Weiterleitung des Gases keine technischen Probleme gibt“, warnt der Experte. Wie viel Gas die Ukraine mittlerweile gespeichert hätte, wüsste allerdings keiner so genau.


Sicher ist, dass das Transitland eine Schlüsselrolle beim Transport des russischen Gases nach Westeuropa spielt. Das Gros der Russland-Exporte fließt über die Ukraine. Russland ist und bleibt einer der wichtigsten Gaslieferanten für die Europäische Union. So ist die EU-Führung dieser Tage wieder in Sorge. Für den Fall, dass der Gasfluss aus Russland im Winter 2010 wieder unterbrochen werden sollte, empfiehlt Brüssel den EU-Staaten, ihre Gasspeicher aus allen möglichen zur Verfügung stehenden Quellen zu befüllen. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sagte schon Ende Juni, „wir müssen uns auf den schlimmsten Fall einstellen“.


Alexandrow ist der Auffassung, dass „Russland oder die EU der Ukraine doch unter die Arme greifen werden, um einer erneuten Gaskrise vorzubeugen. Letztendlich sind alle an störungsfreien Lieferungen interessiert“. Die Frage sei nur, wann die Ukraine Hilfe bekäme, um die Finanzierungslücken zu schließen. „Mit jedem Tag wird die Wahrscheinlichkeit einer neuen Gaskrise größer“, betont der Beobachter.

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