Kein Spaß in Sibirien - MDZ-Moskau
Kein Spaß in Sibirien
Nowosibirsker Künstler wegen Drogenbesitz festgenommen – werden ihm seine Straßenaktionen zum Verhängnis?
Moskauer Deutsche Zeitung 2009-06-06
Autor: Norbert Schott (n-ost)
Foto: RIA Nowosti


Ohne Angabe von Gründen wurde der Videokünstler Artjom Loskutow Mitte Mai von Uniformierten in Nowosibirsk festgenommen. Später wurden in seinem Rucksack elf Gramm Marihuana gefunden, deren Besitz Loskutow jedoch abstreitet. Dem Initiator mehrerer Kunstaktionen wurde offenbar eine Spaßparade zum Verhängnis. Russlands Künstler sind beunruhigt über die Festnahme. Mit Kunstaktionen von Perm bis nach St. Petersburg, Mahnwachen mit bis zu 200 Teilnehmern in Nowosibirsk, Moskau und Murmansk, einem Hungerstreik und massenhaften Radiogrüßen für einen „Freund mit Problemen“ protestieren sie gegen das Vorgehen gegen den seiner Aussage nach unpolitischen Künstler, der auf Gerichtsbeschluss weiter in Untersuchungshaft sitzt.


Es war Freitag, der 15. Mai, als Artjom Loskutow von Uniformierten zunächst ohne Angabe von Gründen auf einer Nowosibirsker Straße festgenommen und in einem nahe gelegenen Hof durchsucht wurde. Den Inhalt seines Rucksacks schütteten die Beamten in den Kofferraum eines Polizeiwagens. Dort fand sich zwischen den persönlichen Dingen des Künstlers auch ein Päckchen mit elf Gramm Marihuana, so das Protokoll.


„In meinen Sachen wurden Drogen gefunden“, bestätigte Loskutow gegenüber Journalisten, „jedoch stammen diese nicht von mir.“ Seine Begleiterin, Ljubow Beljazkaja, versichert in einer Presseerklärung: „Wenige Minuten zuvor hatte ich die gesamte Tasche durchsucht, um persönliche Dinge herauszunehmen – in der Tasche waren keinerlei Tüten!“ Umstrittene Festnahmen von politisch Andersdenkenden hat es in Russland immer wieder gegeben. Schon Anna Politkowskaja schilderte in ihrem Buch „In Putins Russland“, dass politischen Feinden mehrfach Drogen oder Sprengstoff untergeschoben wurden. Neu ist, dass es in Nowosibirsk nun einen Künstler getroffen hat.


Seit 2004 initiiert Loskutow in Nowosibirsk Flashmobs – also spontane über das Internet organisierte Aktionen. Bekannt wurde die „Monstration“ – eine Spaßparade, bei der jedes Jahr am 1. Mai Hunderte Jugendliche mit möglichst absurden Plakaten durch die Stadt zogen. Losungen wie „Tanja, weine nicht!“ oder „Irgendwie so was“ sollten Gefühle statt politischer Aussagen zeigen. Die Aktion wurde stets von Polizisten beobachtet – jedoch nie unterbunden. 2007 und 2008 wurde die „Monstration“ sogar offiziell genehmigt.


In diesem Jahr kam es anders. Das der Polizei angegliederte „Zentrum zur Bekämpfung von Extremismus“ interessierte sich auch für die Projekte der Nowosibirsker Künstler und bat sie mehrfach um Vorsprache. Auf Empfehlung der Beamten verkündeten sie kurzfristig, dass es am 1. Mai 2009 keine „Monstration“ geben werde. Doch auch ohne die Initiatoren trugen etwa 200 Jugendliche Plakate wie „Gekochte Zwiebeln – igitt!“ durch die Straßen.


Wenige Stunden vor seiner Festnahme wurde Loskutow nach eigenen Angaben erneut vom „Zentrum E“ angerufen. In seinem Blog verkündete er, dass er der formlosen Vorladung aufgrund seiner Arbeitszeit nicht folgen könne. Als Antwort des Anrufers notierte Loskutow: „Artjom, Du bist tollkühn, ich schicke Dir ein Auto mit Hunden!“ Nach dieser Warnung wäre es äußerst dumm gewesen, Rauschgift bei sich zu führen, betonen Loskutows Freunde in unzähligen Blogs und Internetforen.


Der Vorwurf ist jedoch nicht gänzlich aus der Luft gegriffen. Loskutows Haarpracht – lange Dreadlocks – und mehrere Videos aus seinem Portfolio lassen leicht Assoziationen zu Drogen aufkommen. Die Anklage bezieht sich zudem auf Telefonate, welche seit Ende April mit richterlicher Genehmigung wegen Verdachts auf „Organisation von Massenunruhen“ abgehört wurden. Über den genauen Inhalt der Gesprächsmitschriften gibt es bislang jedoch keine Angaben.


Seit der Festnahme sitzt Loskutow in Untersuchungshaft. Versuche der Verteidigung, Loskutows Unbedenklichkeit mit Bürgschaften, dem Hinweis auf seine nahende Diplomverteidigung, seinen festen Arbeitsplatz und sein künstlerisches Schaffen nachzuweisen, scheiterten. Das Gericht entschied, Loskutow in Untersuchungshaft zu belassen, da Fluchtgefahr und fortgesetzter Drogenhandel drohen.


Loskutows Anwalt Valentin Demidenko bezeichnete den Beschluss als ungerecht und hat Berufung eingelegt. Die Unterlagen der Staatsanwaltschaft und des „Zentrums E“ seien fehlerhaft, erläuterte er gegenüber Radio Swoboda. So trage die Aussage eines Polizisten, der während der Verhandlung große Bedeutung beigemessen wurde, kein Datum. Ferner werde in den Akten ein konkretes Institut genannt, wo Loskutow mit Drogen gehandelt haben soll – eine Einrichtung mit diesem Namen gibt es aber überhaupt nicht in Nowosibirsk.


Auch auf Demidenko wird inzwischen von unbekannter Seite Druck ausgeübt, in Form von anonymen Anrufen. Das Honorar des Anwalts wird aus Spenden finanziert – innerhalb weniger Tage kamen fast 100 000 Rubel zusammen. Die Freunde von Loskutow, welche die lokale Mahnwache, die Spenden und eine Informationskampagne organisiert haben, wurden im „Zentrum E“ vorgeladen, ebenso die Eltern weiterer junger Künstler. Ihnen wurden Loskutows Videos vorgeführt, mit den Worten: „Wir wollen Ihnen zeigen, mit was für Leuten sich Ihre Tochter trifft“, berichtet Ljubow Beljazkaja.

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