| Tetris war der erste Stein Auch 20 Jahre nach dem erfolgreichsten Computerspiel der Welt hat Russland in der Branche einiges zu bieten Moskauer Deutsche Zeitung 2008-11-20 | Autor: Christine Auerbach Foto: Nival |
Der Joker steht gebannt vor dem Bildschirm, hält eine Plastikgitarre in der Hand und wartet auf seinen Einsatz. Die weiße Schminke im Gesicht des Jungen, der gerade aus dem neuen Batman-Film entsprungen scheint, ist am Mund schon ziemlich verwischt – vielleicht hat er eben Lara Croft geküsst, die zwei Computer weiter ihr musikalisches Talent testet. Drei, zwei, eins, auf dem Bildschirm wird der Takt eingezählt, dann legt der Joker los: „The one you love“ von R.E.M.
Das Computerspiel „Guitar Hero“, bei dem auf einer Instrumenten-Attrappe bekannte Popsongs im Wettstreit mit einem Gegenmusikanten nachgespielt werden müssen, war einer der Magneten auf der Spielemesse „Igromir“. Rund 60 000 Besucher zählten die Veranstalter Anfang November in der Ausstellungshalle des Moskauer WWZ-Zentrums. Viele davon verkleideten sich wie ihre virtuellen oder filmischen Helden. Der Spielemarkt boomt, trotz Raubkopien. Gerade im Bereich kleiner, einfacher Spiele setzen viele Hersteller dabei auf russische Entwickler.
Auch das Spiel der Spiele wurde in Russland entwickelt, vor mehr als 20 Jahren, auf einem einfachen Electronica 60. Trotz primitivster Grafik machte es Generationen süchtig: Tetris. Erfinder ist der Russe Alexej Padschitnow, der 1985 die Idee zu dem Geometriespiel hatte, das zu den meistverkauften Spielen weltweit gehört. „Käme Tetris heute auf den Markt, würde es wahrscheinlich keiner wahrnehmen“, sagt Konstantin Nikulin. Seine Firma Intenium produziert seit acht Jahren so genannte Casual Games – kleine, sehr leicht verständliche Spiele, die meist über das Internet heruntergeladen werden können. „Heute reicht es nicht mehr, wenn man nur Steine hin und her schieben kann. Die Kunden wollen eine ganze Welt darum herum aufgebaut haben.“
Wöchentlich bringt Intenium, dessen Sitz in Hamburg ist, drei bis vier neue Spiele heraus – ausgedacht und programmiert von einem Team in Kaliningrad. „Russische Entwickler sind technisch einfach besser“, sagt Nikulin. „Dazu sind sie risikofreudiger, probieren mehr aus, sind nicht so steif wie zum Beispiel die amerikanischen.“ 60 bis 70 Prozent aller Casual Games, so schätzt der Unternehmer, werden im ex-sowjetischen Raum entwickelt. Gute Programmierer zu finden, sei nicht immer leicht. Aber in Russland hat die Softwareentwicklung Tradition. Viele Ingenieure, die in den 90er Jahren nach dem Studium keine Arbeit fanden, seien in die Softwareentwicklung gegangen, so Nikulin, der selbst in Russland Raumfahrtingenieurwesen studiert hat. Deshalb fänden sich in der Branche immer noch eine Viekzahl Ingenieure, und die Ausbildung habe ihren hohen Standard gehalten.
Dass die Casual Games erfolgreich in Russland entwickelt werden, heißt jedoch nicht, dass sie auch erfolgreich im Land vertrieben werden. Die kleinen Spiele werden vorwiegend übers Internet abgerufen und auch online bezahlt. In vielen Regionen fehlen dafür noch die Strukturen: Erst knapp elf Prozent der Russen hatten laut Angaben der Bundesagentur für Außenwirtschaft Mitte dieses Jahres einen Breitband-Internetzugang.
Auf der Messe „Igromir“ sind kleine Spiele weniger vertreten. Es dominieren große Marken wie Microsoft und Electronic Arts, dazu Spiele wie World of Warcraft. Weiterhin beliebt ist auch die Playstation in allen Varianten. Sonys Sprecher Alexander Harlamow glaubt nicht, dass die Finanzkrise den Spielemarkt tangiert. „Je weniger die Leute draußen machen, in Restaurants oder Kinos gehen, desto mehr Zeit bleibt für sie daheim“ – und das heißt für Sony: mehr Zeit für die neueste Variante der Playstation.
„Igromir“-Manager Max Maslow sieht das anders: „Viele Aussteller haben ihr Budget für die Messe auf ein Drittel gekürzt.“ Die Stände wurden weniger aufwändig produziert, die Unternehmen beschränken sich auf das Aufstellen von Computern, die Messestände fallen kleiner aus. Die Besucher scheint das nicht zu stören. Sie drängen sich um jeden Stand, sobald es dort kostenlose Werbematerialien gibt, ein Gamecontest beginnt oder sich einfach wieder eines der leichtbekleideten Mädchen zeigt, die durch die Halle spazieren. Denn die drei Hauptsachen bei einer Computerspielmesse, so Manager Maslow, seien nun einmal die Mädchen, die Spiele und die kostenlosen Werbegeschenke. „In welcher Reihenfolge, muss jeder für sich entscheiden.“ |