Dominant und aggressiv - MDZ-Moskau
Dominant und aggressiv
Centermanager Olaf Warzecha stellt fest: Seine russischen Kollegen ticken anders
Moskauer Deutsche Zeitung 2008-11-04
Autor: Andre Naumann
Foto: Andre Naumann

Olaf Warzecha ist 35 Jahre alt und im Auftrag der Hamburger SEC Center-Management GmbH seit 2006 mitverantwortlich für „Gorbuschkin Dwor“, das größte Technik-Shopping-Center Russlands, für Außenstehende einfach „Gorbuschka“. Er ist einer der wenigen deutschen Manager in russischen Unternehmen. Interkulturelle Unterschiede machen sich auch bei Führungsmethoden bemerkbar. Seit zwei Jahren ist Warzecha auf der Suche nach seinem eigenen Weg, sich im Geschäft durchzusetzen.



Herr Warzecha, was macht ein Centermanager genau?

In meinem Fall kümmert er sich darum, dass so ein Objekt wie Gorbuschkin Dwor reibungslos funktioniert. Die Organisation kann ein Centermanager nicht alleine erledigen. Es gibt einen Stab von Leuten für Administratives, Sicherheit und Reinigung. Wir sind ein Dreier-Führungsteam. Meine Kollegen sind Russen und um einiges älter als ich. Sie kümmern sich um das Operative und um die Finanzen. Ich bin für Marketing und Development verantwortlich.



Gibt es manchmal Konflikte untereinander?

Täglich. Dabei gewinnt mal der, mal der. Letztendlich habe ich die Unterstützung des Inhabers und das ist für mich das Entscheidende. Große Interessenskonflikte gibt es zuhauf. Ich komme aus dem Shoppingcenter-Bereich. Gorbuschkin Dwor ist eher eine Mischung aus Markt und Basar. Da tauchen grundsätzliche Fragen auf. Wie treten wir Mietern gegenüber auf, wie behandeln wir die Kundschaft? Managementqualitäten und Mentalität – beides unterscheidet sich stark von dem, was wir in Deutschland kennen. Im Grunde stellen wir uns hier aber denselben Aufgaben. Der gesamte Komplex muss technisch funktionieren. Dazu gehören Sauberkeit, Kundeninformationen, Parkhäuser und die Sicherheit selbstverständlich. Dann das Marketing: Was müssen wir machen, damit der Besucherstrom nicht abbricht? Wie können wir unser Image weiter optimieren und uns gegen die stärker werdende Konkurrenz behaupten? Gorbuschkin Dwor hat in Moskau einen Bekanntheitsgrad von 99 Prozent. Selbst als ich vor kurzem am Baikalsee war und erzählte, wo ich arbeite, kannten die Menschen das Center. Unsere Befragungen haben aber ergeben, dass viele Mos­kauer vergessen haben, wo genau sich das Center befindet, weil sie Ewigkeiten nicht mehr hier waren. Da setzt meine Aufgabe an. Das ist kein schmuddliger Markt mehr, wie man ihn häufig in Moskau vorfindet. Das Warensortiment ist nach wie vor riesig, aber auf einem hohen Hightech-Niveau.



Wie kommen Sie in Ihrer Arbeit mit der russischen Sprache zurecht?

Ich habe eine Assistentin, die gleichzeitig meine Übersetzerin ist. Sie ist bei Gesprächen, Diskussionen oder Meetings immer dabei. Ich kann mich zwar allein verständigen, aber im beruflichen Umfeld ist die Sprache noch zu schwierig und die Gefahr von Missverständnissen groß.



Ist Russland für Sie mehr eine geschäftliche oder eine persönliche Herausforderung?

Definitiv beides. Würde mich jemand danach fragen, wo ich leben möchte, dann würde ich nicht sofort antworten: Moskau. Zwar ist die Dynamik interessant für das Geschäft, sie bedeutet aber gleichzeitig auch Staus ohne Ende, Hektik und Stress. Die Menschen sind verschlossen und oft unfreundlich. Deshalb bleiben sie vielen Ausländern ein Geheimnis. Den besonderen Charme muss man sich erst einmal erschließen. Natürlich gibt es auch angenehme Seiten, die man hervorheben muss. Wir können nicht nur im Gorbuschkin Dwor, sondern fast überall sieben Tage die Woche einkaufen. Das brauchen wir zwar nicht unbedingt, es ist aber trotzdem interessant. Daran kann man sich erfreuen. Auch der hiesige weibliche Charme kann einem das Privatleben schon versüßen (lacht). Wenn mir aber morgen jemand sagt, du kannst in Kapstadt arbeiten, dann packe ich sofort meine Koffer und bin weg. Jeden Tag erlebe ich Situationen, wo ich mir denke, verdammt, wo bin ich hier gelandet. Es gibt aber auch Momente, die mich aufleben lassen. Ganz besonders im Geschäft, wenn alle sagen, dass dieses nicht funktioniert und jenes nicht machbar wäre. Und auf einmal funktioniert es doch. Dann hat man Erfolgserlebnisse besonderer Art.



Geben Sie uns ein Praxisbeispiel.

Wenn wir ein neues Projekt starten, erscheint zunächst alles kompliziert. Als wir den Branchenmix für unser neues Shoppingcenter „Filio“ abgestimmt haben, wollte ich unbedingt einen Obst- und Gemüsehändler integrieren. Meine Kollegen erwiderten, wir würden keine Mieter finden, die bereit dazu sind. Ich habe mich dann selber auf die Suche begeben und bin auf einem Markt fündig geworden. Vor kurzem haben wir mit diesem Mieter einen Vertrag abgeschlossen. Seine eigene Linie zu halten, sich quasi durchprügeln, damit man dann mal irgendwann Ergebnisse sieht, erfordert enorme Anstrengungen. Deshalb funktioniert im russischen Geschäftsleben, besonders auf der Führungsebene, alles nur über Dominanz und eine gewisse Aggressivität. In einer russischen Company kommt auch ein ausländischer Manager ohne Aggressivität nicht aus.



Wie stark unterscheiden sich deutsche und russische Führungsmethoden voneinander?

In Deutschland haben wir gelernt zuzuhören. Das gibt es hier nicht. Dem Sprecher wird einfach ins Wort gefallen. Es gibt keine Diskussionskultur. Es wird weder zugehört noch werden die Worte des Vorredners überdacht. Das beste Beispiel ist Autofahren, hier kann man Tiefenpsychologie betreiben. Der Grundsatz ist: „Wer bremst, verliert.“ Was denken die Menschen am Steuer, frage ich mich immer: „Macht es Sinn, den anderen vorzulassen, nein, ich stelle mich mitten auf die Straße, damit alles blockiert ist.“ Das könnte ebenso gut eine Szene aus einem Gespräch sein. Immer voll drauf und den anderen nicht zu Wort kommen lassen. Diese Kleinigkeiten erscheinen in der Summe unüberwindbar.



Fehlt es russischen Mitarbeitern an kompetenter Anleitung?

In Deutschland praktiziert man den kooperativen Führungsstil. Der funktioniert hier überhaupt nicht. In Russ­land gelten nur Anweisungen, in drei Minuten ist es erledigt, sonst gibt es eine Strafe. Das ist der Führungsstil. Zugegeben erleichtert er viele Entscheidungen und beschleunigt Prozesse im Allgemeinen, dafür fallen auch die Ergebnisse dementsprechend unbefriedigend aus. Es ist nicht einfach, die Mitarbeiter für sich zu gewinnen und auf seine Seite zu bringen. Nach zwei Jahren arbeite ich immer noch am richtigen Konzept, meiner eigenen Methode.



Die Russen investieren in deutsches Know-how, das ist bekannt. Interessieren sich deutsche Unternehmen auch für russisches Manager?

Deutschen Unternehmen in Russ­land muss man unbedingt raten, russisches Führungspersonal zu beschäftigen, weil viele Sachen hier anders laufen und es mit Deutschen allein nicht funktioniert. Grundsätzlich glaube ich, dass beide Seiten voneinander lernen können und sollten. Den Deutschen täte es gut, etwas flexibler zu sein, Entscheidungen schneller zu treffen. Auch wird hier jungen Führungskräften viel schneller Verantwortung zu übertragen, das ist in Russland vorbildlich.



Das Interview führte André Naumann.

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