| Handel schnallt den Gürtel enger Russische Supermarktketten treten kürzer, die kleinen Läden kommen ins Schwimmen Moskauer Deutsche Zeitung 2008-10-27 | Autor: Anne Wäschle Foto: Andre Naumann |
„Wir verfolgen die Entwicklung an den internationalen Finanzmärkten sehr intensiv“, sagt Martin Bommersheim, Pressesprecher der Metro Group, „bislang konnten wir aber keine nennenswerten Auswirkungen auf unser Geschäft feststellen.“ Wie vielerorts will man auch bei der in Russland aktiven deutschen Supermarktkette nicht von der Wirtschaftskrise betroffen sein.
Die russische Handelsbranche war jahrelang von einer großen Dynamik bestimmt. Im zweistelligen Bereich steigt der Einzelhandelsumsatz von Jahr zu Jahr. Der Nachholbedarf an Supermärkten und Warenhäusern in dem riesigen Land ist längst nicht gedeckt, so ist Russland beim Bau von Handelsobjekten europaweit führend. Insbesondere abseits der großen Städte dominieren traditionelle Strukturen. Der Marktanteil unabhängiger, kleiner Lebensmittelläden, Märkte, Kioske und Straßenstände ist nach Expertenschätzungen aber immerhin von etwa 73 Prozent im Jahr 2003 auf rund 67 Prozent 2007 gesunken. Die marktwirtschaftlichen Reformen und die Deregulierungsprozesse schufen Investitionsanreize. Die Einzelhandelsbranche bietet Großhändlern attraktive Möglichkeiten.
Aber Wachstum ist im Retail-Geschäft nicht zum Nulltarif zu haben. Um den Konkurrenzdruck Stand zu halten, müssen Einzelhändler investieren. Der Betrieb von Supermärkten ist verhältnismäßig kostenintensiv. Immobilien sind in Russland teuer. Der Konkurrenzkampf um die besten Grundstücke auf dem schnell wachsenden russischen Markt erschwert besonders kleineren Händlern den Einstieg — egal ob der Standort Moskau oder Wladiwostok heißt. Hier macht sich die Krise schnell bemerkbar. Viele Objekte befinden sich im Bau und können nicht fertig gestellt werden, da ihre Finanzierung zusammengebrochen ist. In den Regionen ist der Vor-Ort-Aufwand für Bau und Unterhalt der Märkte geringer, dafür schnellen die logistischen Kosten in die Höhe. Die steigenden Löhne sind ein zusätzlicher Faktor. Bestehende Geschäfte haben oftmals einen großen Modernisierungsbedarf.
Der umsatzstärkste russische Einzelhändler X5 Retail Group, der die Ketten „Perekrjostok“ und „Pjatjoroschka“ betreibt, zieht aus der Krise Konsequenzen. Trotz steigender Umsätze von 48 Prozent im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahr gab das Unternehmen Mitte Oktober bekannt, dass es seine Investitionen für das Jahr 2008 um 30 Prozent zurückgefahren hat. Auch die Fertigstellung dreier neuer Filialen, die noch für dieses Jahr geplant war, wird sich verzögern. Sofort fielen die Aktien der börsennotierten Gruppe um zwölf Prozent. Dabei waren sie gerade erst wieder aus dem Keller gekrochen, nachdem bekannt wurde, dass X5 zu den Nutznießern der staatlichen Finanzspritze gehören würde. Nur Tage darauf kam aus der Unternehmenszentrale die nächste Neuigkeit: 1 000 leitende Angestellte, also rund sieben Prozent der X5-Belegschaft, werden im Zuge der Effizienzsteigerung ihren Job verlieren.
Auch der viertgrößte Lebensmittelhändler Sedmoj Kontinent vermeldete Anfang Oktober Gewinnwarnungen. Zwar sind die Verkäufe um fast 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, der Profit ging jedoch um 40 Prozent zurück. Gemäß der Analysten ist dafür vor allem das Expansionsstreben in die Regionen verantwortlich. Sedmoj Kontinent eröffnete im ersten Halbjahr 2008 zehn weitere Märkte.
Die Entwicklung auf den Finanzmärkten wird auch im Wachstum des russischen Einzelhandels Spuren hinterlassen. Der Trend zur Marktkonsolidierung verstärkt sich weiter. Für die kleinen Läden, auf die immer noch der Großteil aller Verkäufe im russischen Einzelhandel entfällt, wird es immer schwerer. Nick Gardiner, Direktor der Boston Consulting Group in Moskau, sagt: „Dieser Verkaufszweig ist am stärksten auf das Barvermögen der Kunden und das Kreditkapital zur Steigerung des jährlichen Umsatzes angewiesen.“ Die kleinen Produkty-Läden haben nicht den langen Atem der großen Ketten. Wenn das Geld der Kunden ausbleibt, haben sie kaum Möglichkeiten, durch Einsparungen zu überleben. Gardiner resümiert: „Die schwachen Händler werden sich unter solchen Umständen nicht auf dem Markt halten können.“ |