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Wettrüsten auf dem Roten Platz
Die Militärparaden am Siegestag werden immer größer, je länger das Kriegsende zurückliegt
MDZ 2010-03-10
Autor: Anika Gensicke, Anna Trawkina
Foto: Komsomolskaja Prawda
[Druckversion]


Es wird alles so sein wie immer am 9. Mai, nur noch monumentaler, mit noch mehr Pathos und Pomp und Stahl. Russland bereitet sich schon jetzt auf den 65. Jahrestag der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg vor. Ende Februar haben die Proben für eine Militärparade begonnen, die wieder einmal die größte in der postsowjetischen Geschichte zu werden verspricht, größer als die anderen größten in den letzten Jahren. Ist es wirklich das Gedenken an den Krieg und das Kriegsende, das solche Superlative nötig hat? Eine Umfrage.


Die Marine wird nicht vertreten sein. Aber zu Land und in der Luft zeigt Russlands Armee am 9. Mai 2010 her, was sie hat. Seit zwei Jahren rattert bei den Siegestagsparaden auch schwere Technik über den Roten Platz – und zuvor durch die halbe Stadt. Star der diesjährigen Waffenschau wird die neueste Interkontinentalrakete Topol-M sein. Am Himmel sollen 140 Jäger, Bomber und Kampfhubschrauber über die Köpfe der Ehrengäste hinwegdonnern, doppelt so viele wie im vergangenen Jahr. Am Boden werden sich Kriegsveteranen und Soldaten von heute in Paradeuniform begegnen. Erstmals nehmen an der Veranstaltung auch Truppenteile der früheren Westalliierten teil. Delegationen aus 45 Ländern werden erwartet. Die Stadt Moskau geht davon aus, dass 2,5 Millionen Menschen die öffentlichen Veranstaltungen besuchen.


Die Inszenierung des Feiertags wird in Russland selbst kaum hinterfragt. Arkadij German, Leiter des Lehrstuhls für vaterländische Geschichte an der Staatlichen Universität, findet sie richtig und wichtig. „Der Siegestag eint die Russen, unabhängig von ihrer politischen, nationalen oder religiösen Zugehörigkeit. Er ist ein Feiertag des Stolzes, der Würde und des Gedenkens. Die Militärparade ist Ausdruck dieser Gefühle.“


Zu einem arbeitsfreien Feiertag wurde der 9. Mai erst 1965. Heute hat höchstens noch Silvester eine vergleichbar exponierte Stellung im Kalender, ist aber natürlich viel weniger mit Historie aufgeladen als der „Festtag mit Tränen in den Augen“, wie es in einem bekannten Lied heißt. „Der Siegestag muss gefeiert werden, die Frage ist nur Wie“, sagt Arsenij Roginskij, Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation „Memorial“. Die Dimension der Feierlichkeiten gehe von der Obrigkeit aus, die eine Konsolidierung der Gesellschaft anstrebe. „Und das einzige Ereignis, zu dem ein nationaler Konsens existiert, ist der Große Vaterländische Krieg.“ Doch dessen Schattenseiten würden bewusst ausgeblendet. Es sei an der Zeit, auch den Preis des Sieges zu thematisieren. „Ohne ein solches Verständnis sind die Feiern für mich einfach unmoralisch.“


Die Heerschau solle die Stärke Russlands symbolisieren, meint der politische Schriftsteller und Russlandkenner Wolfgang Leonhard. „Nach den vielen Niederlagen in der vergangenen Zeit versucht der Staat, Macht zu demonstrieren.“ Für Michail Fedotow, Jurist und Sekretär des russischen Journalistenverbandes, hat „dieses ganze Spektakel mit den Veteranen überhaupt nichts zu tun“, sondern sei ein Vehikel für die politisch Verantwortlichen, daraus Kapital zu schlagen. „Ich gehe am Siegestag nie auf den Roten Platz, sondern zu meiner Mutter, die an der Front gekämpft hat. Ich schenke ihr Blumen und etwas Süßes. Wir sitzen beisammen und trinken Tee.“


Der Politologe Alexander Rahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sieht in den Feiern die Konsequenz aus einem Dilemma. „Russland richtet sich als Großmacht wieder auf, ohne dass es dafür ein festes materielles und geistiges Fundament besitzt. Auf dem sowjetischen Erbe lässt sich eine Großmacht nicht errichten, mit dem alten Zarenrussland kann sich das Land auch nicht mehr identifizieren. Bleibt als Anker in der Geschichte der letzten 100 Jahre eigentlich nur 1945 übrig.“


Die vergangene Glorie zu würdigen, kostet: Weit mehr als 100 Millionen Euro wird die Parade nach Presseberichten kosten, für die Reparatur der nachfolgenden Straßenschäden könnten weitere 40 Millionen benötigt werden. Geld, das so manchem Veteran wohl in Form von Sozialleistungen lieber wäre. Doch Generalmajor Iwan Sluchaj vom Moskauer Komitee der Kriegsveteranen findet: „Mit den Veteranen geht man tatsächlich immer schlechter um, die Renten reichen ja schon nicht einmal mehr für die Wohnungskosten. Trotzdem ist es ein Verdienst der Regierung, den 9. Mai so groß zu feiern. Und wir werden ihn feiern, solange wir noch leben.“
Kommentare (5)
2010.06.08 Maximilian Franz
Auf Ihr Posting vom 7. des Vormonats kann ich nur entgegnen, dass ich es bei einer ernsthaft geführten Diskussion auf alle Fälle unterlassen würde, den mehr als zweifelhaften Autor "Gregory Klimov" (1918-2007, geb. in Novoc`erkask,1947 übergewechselt in den Westen, später in die USA, und dort Zuarbeiter der CIA)zu zitieren, nicht einmal Auszugsweise. Sie Stellen die Behauptung auf, jeder Russe mit "Augenmaß" wisse, wem er den Ausbruch des fürchterlichen Krieges von Juni ´41 bis Mai ´45 zu verdanken hat ??? Meinen Sie etwa, die damalige Sowjetunion hätte diesen Krieg selbst provoziert ? Mit dieser Meinung stehen Sie in der Welt wohl einzigartig da! Weiters behaupten Sie, gut die Hälfte der ca. 26 Millionen Menschen, die beim Überfall der Faschisten auf die damalige UdSSR (unser heutiges Gastland) unter teilweise grausamsten Bedingungen ihr Leben gegeben haben, seien "hausgemacht". In meinen Augen eine UNGEHEUERLICHKEIT, die ihresgleichen sucht ! Nun zu den "unvoreingenommenen jungen russischen Historikern". Solche unbedarften jungen Leute mag es wohl allenthalben geben. Welches Institit, welche Uni im Lande, welche sonstige Organisation würde auch einen Menschen einstellen, der gegen den derzeitigen Mainstream schwimmt? Sie wissen schon: Erst kommt das Fressen und danach die Moral".(B. Brecht) Deshalb: "Eigenartiges Geschichtsverständnis" orte ich vor allem und zu allererst bei Ihnen selbst. Ich würde es deshalb vorziehen, die Diskussion mit Ihnen nicht mehr fortzusetzen und wünsche Ihnen noch alles Gute ! - Max Franz, Linz/D. & Niz´nij Tagil
2010.05.07 S. Randolf
Eigenartiges Geschichtsverständnis und das trotz neuer Forschungen gerade, der Russen zu dem "heimtückischen" Überfall auf die ahnungslose SU. Dabei bedarf es doch gar keiner neue Erkenntnisse, den wie schrieb schon 1952 ein gewisser Gregory Klimow in seinem Buch "Berliner Kreml" auf Seite 58; der Kreml kannte die Angriffspläne und Kräfteverhätnisse der deutschen Wehrmacht besser als das deutsche Oberkommando, aber er beschloss die Politik der "anfänglichen Misserfolge" was das im Klartext heißt? von den 26 Mio. toten Russen, hätte nicht mal die Hälfte sterben müssen, auf gut deutsch gesagt waren die meisten toten Russen Hausgemacht. Und noch eines, jeder Russe der über ein gewisses Augenmaß verfügt weiß "wem" die Deutschen und Russen, diesen fürchterlichen Krieg zu verdanken hatten. Lesen sie mal was unvoreingenommene junge russ. Historiker alles in den letzten Jahren herausgefunden haben, das raubt ihnen ihren Schlaf, versprochen! Genau diese Typen zündeln jetzt wieder.....
2010.04.05 Maximilian Franz
Geehrter Herr S. Randolf,ich nehme Ihre Entgegnung zur Kenntnis,möchte aber anmerken,dass,wenn mir als Deutschen /Österreicher von (un)informierter russischer Seite erklärt würde, welch große Humanisten die Deutschen doch seien, bei mir dennoch ein ganz kleines Alarmglöckchen klingeln würde... . Waren es doch dieselben "großen Humanisten", die unserem gemeinsamen zeitweiligen Gastland aus "Raumnot" einen Krieg aufgezwungen haben,der beinahe 26 Millionen Sowjetbürgern das Leben gekostet hat,die hunderttausende zur Zwangsarbeit in´s Reich verschleppt haben und die gesamte Bevölkerung als "Untermenschen" apostrophierten. Wenn Sie weiters Ihre Gastgeber nicht auf eine fehlende oder mangelhafte Zivilgesellschaft oder auf nicht präsenten Tierschutz u. dgl. mehr hinweisen und sich mit Kritik an dem von ihnen selbst gewählten Präsidenten zurückhalten, dann werden sie die Gastfreunschaft der Russen auch in Zukunft nicht über Gebühr strapazieren,und Ihnen wird weiterhin "kein böses Wort entgegengebracht werden". Ich erlaube mir daher, Ihren Kommentar mit Achtung ad acta zu legen und verbleibe. - Max Franz /Linz
2010.03.25 S. Randolf
Mein lieber Herr Franz,Hitler war Österreicher,den hättet ihr behalten können. Der Artikel ist nicht tendenziös sondern sehr ausgewogen. Von Russland lieber Franz, haben Sie, halten zu Gnaden, keinen Schimmer. Russland ist heute, eines afrikanischen Staates fast ebenbürtig.Hier müsste soviel erneuert, repariert,modernisiert werden ,das ich als umsichtiger President gar nicht wüsste, wo anfangen ? Anstatt die Schlachten von gestern zu schlagen wünsche ich den Russen endlich eine Zivilgesellschaft mit einer menschenwürdigen Gesundheitsversorgung und weniger korrupte Staatsdiener. Wenn eine Ärztin mit 20.000 Rub nach Hause geht,ihre Miete aber allein schon bei 35.000 liegt ist es in diesem Land verdammt schwer, anständig zu bleiben. Nicht verkehrt währe als Russ.Regierung sich über andere Dinge zu definieren, wie den Kampf gegen das unsägliche Saufen in diesem Land.Das menschliche Elend was damit direkt zusammenhängt ist gar nicht zu Ermessen.Einen Tierschutz einzuführen wie es einer Zivilisation gut zu Gesicht stehen würde. Lieber Franz, aus der Führerstadt Linz, ihre antifaschistische Deutschfeindlickeit ist in Russland dieser Tage gar nicht mehr gefragt. Die einfachen Leute in meinem Bekanntenkreis wissen sehr wohl wer die Deutschen und Russen aufeinanderhetzte. Mir ist hier in Russland als deutscher Expat in fast drei Jahren Aufenhalt, noch nicht ein böses Wort von Seiten der Russen entgegengebracht worden. Immer wieder wird mir versichert bei Gesprächen "über Gott und die Welt" was wir Deutschen ,doch für große Humanisten seien. Davon abgesehen hat die Bundeswehr weiß Gott nichts in Afghanistan zu suchen,das steht aber auf einem anderen Blatt. Schreibe normalerweise keine Kommentare zu Russland ,möchte mich nicht in innere Angelegenheiten meines Gastlandes einmischen aber beim Lesen ihres Beitrages, hat es mir doch in den Fingern gejuckt.
2010.03.16 Maximilian Franz
Wie Ihre ganze Blattlinie, so finde ich auch diesen Artikel höchst tendenziös russlandfeindlich. Ein berechtigter Stolz an der Niederwerfung der deutschen Faschisten im Mai ´45 durch die Rote Armee wird den Russen abgesprochen, zweifellos negative Aspekte, wie etwa der Umgang mit den Sowjetveteranen oder die Monumentalität der Parade jedoch unverhältnismäßig hervorgekehrt. Das wäre so als berichte die Presse der RF ständig über die zunehmende Arbeitslosigkeit und Armut in Deutschland seit der Wiedervereinigung, oder von den zahlreichen Konflikten in der Welt, an denen die Bundeswehr seit 1991 teilnimmt oder gar aktiv Krieg führt (Afghanistan), obwohl einmal beteuert wurde, niemals mehr solle von deutschem Boden Krieg ausgehen .... Das macht es einem schwer, an unabhängige Berichterstattung Ihrerseits zu glauben, meint Max Franz, Linz/D.
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