Herr Hitzel, Österreich gilt, mit Verlaub, nicht als Fußballmacht, an der man sich unbedingt ein Beispiel nehmen müsste …
Stimmt, da braucht man ja nur auf die Weltrangliste zu schauen.
Was also hat sich Lokomotive Moskau Ihrer Meinung nach davon versprochen, Ihnen einen Drei-Jahres-Vertrag als Trainerausbilder zu geben?
Daran war sicherlich Raschid Rachimow maßgeblich beteiligt. (Anmerkung der Redaktion: Der ehemalige Lok-Cheftrainer Rachimow hatte in Österreich gespielt und dort auch seine Trainerkarriere begonnen.) Er wollte westliches Know-how in die Arbeit hier einfließen lassen, ein Umdenken anstoßen. Wir haben uns ja in Österreich bewusst dafür entschieden, ein Ausbildungsland zu sein. Ich glaube, darin sind wir sehr gut. Die Jungs gehen dann ins Ausland und sammeln Erfahrungen, die den Besten wiederum in der Nationalmannschaft zugute kommen. Das ist ein Weg, den schon andere gegangen sind, wenn ich nur an Schweden denke oder an Dänemark.
Was hat Sie selbst veranlasst, das Angebot aus Russland anzunehmen?
Ich war fast 20 Jahre Leiter der Trainerausbildung beim Österreichischen Fußballbund. Aber da sieht man die Resultate der eigenen Arbeit ja nicht. Hier ist der Kontakt zur Praxis viel direkter und ich kann unmittelbar eingreifen. Das hat mich gereizt. Auch das Finanzielle war ein angenehmer Nebeneffekt, so ehrlich muss man sein. Aber dafür habe ich schließlich eine gute Stellung in Österreich aufgegeben.
Nach Ihrem Eindruck: Was unterscheidet fußballerische Nachwuchsarbeit in Russland von der im Westen?
Als ich hier angefangen habe, gab es in der Jugendakademie von Lokomotive keine übergreifende Ausbildungsphilosophie, keinen „roten Faden“. Jeder Trainer konnte machen, was er sich vorgestellt hat. Das ist das eine. Zweitens wurde Erfolg über mannschaftliche Ergebnisse definiert, so wie im Profibereich. Aber im Nachwuchs muss der Weg das Ziel sein. Es geht nicht um die Mannschaft, sondern den Spieler. Also kein ergebnisorientiertes, sondern ein entwicklungsorientiertes Denken.
Welche Ihrer Vorstellungen konnten Sie verwirklichen?
Alle Trainer und Scouts arbeiten heute nach einer Ausbildungsphilosophie, die vier Punkte umfasst und verschriftlicht wurde. Wir wollen erstens selbstbewusste, kreative Spieler, die zweitens dynamisch sind, drittens taktisch gut ausgebildet und viertens technisch möglichst stark. Mein Leitspruch ist „To train the brain“. Die Spieler müssen auf dem Feld permanent selbstständige Entscheidungen treffen. Beim Fußball wird das Hirn viel mehr beansprucht als beim Skispringen, Marathon oder 100-Meter-Lauf. Das ist eine Ballsportart und noch dazu die schwierigste, weil sie nicht mit der Hand gespielt wird und auch nicht fünf Spieler involviert sind, sondern elf. Also müssen wir uns immer wieder überlegen, wie wir das Hirn fordern. Wodurch entwickelt es sich? Durch Variabilität, Reize, immer wieder neue Impulse. Wodurch wird es abgetötet? Durch Eintönigkeit, Routine.
Sehen Sie eine Entwicklung in die richtige Richtung?
Ja, unsere Mannschaften spielen jetzt Fußball, versuchen es zumindest. Vor noch nicht allzu langer Zeit war von Spielkultur wenig zu sehen, es ging hauptsächlich darum, so schnell wie möglich zum gegnerischen Strafraum zu kommen. Kombinationsfußball, Passspiel, Ballkontrolle — all das war unterentwickelt.
Wie erklären Sie sich dann, dass die Russen in der jüngsten Vergangenheit gerade mit diesen Tugenden auf internationaler Bühne für Furore gesorgt haben? Die Grundlagen dafür müssen ja irgendwann im Nachwuchsbereich gelegt worden sein.
Ich will mich nicht als großer Kenner des russischen Fußballs aufspielen. Mir scheint, dass Russland eine sehr große Breite auf einem vernünftigen Niveau hat, dass aber absolute Topspieler, die in der Spitze den Unterschied ausmachen, dünn gesät sind. Das heißt, es gibt viel Quantität, aber zu wenig Qualität. Dass aus Quantität auch mal Arschawins kommen, ist ja klar.
Gab es eigentlich keine Vorbehalte gegen Sie seitens der Nachwuchstrainer? So nach dem Motto: Was kann uns dieser Ausländer schon Neues erzählen?
Es gab beides — sowohl Aufgeschlossenheit als auch Skepsis. Bei unseren Besprechungen habe ich einmal gefragt, wie viele russische Talente wohl bei europäischen Topklubs spielen. Der Hintergrund der Frage war, dass die Russen ja vielleicht nicht gut genug, nicht kreativ genug sind. In Österreich sind es übrigens 25 Spieler zwischen 16 und 19 Jahren, die bei großen Klubs in Europa unter Vertrag stehen. Darauf hat mir einer der Trainer geantwortet: Unser Nachwuchs muss nicht ins Ausland gehen, um sich weiterzuentwickeln. Wir haben genug Wissen, um ihn im Lande zu halten.
Apropos: Spielen bei Lok aus Ihrer Sicht junge Talente, die es international weit bringen könnten?
Ja, zwei, drei 15-Jährige wären höchst interessant für westliche Topklubs. In den letzten Jahren sind zudem einige Spieler aus der Akademie sofort in den Profikader von Lokomotive aufgestiegen, unter anderem Alan Gatagow, der inzwischen schon zum Stammaufgebot gehört.
Ein Wort zu den Bedingungen, unter denen Sie bei Lok arbeiten?
Gigantisch! Dem Nachwuchs stehen eine Leichtathletikhalle mit zwei kleinen Kunstrasenplätzen und einer tollen Kraftkammer, eine Traglufthalle, zwei Großfeldplätze und sogar eine eigene Schule zur Verfügung. Zwei hauptberufliche Talentesucher zu haben, ist auch nicht selbstverständlich. Mir hat man ein Auto mit Chauffeur zur Seite gestellt, ich wohne am Kutusowskij-Prospekt. Russland hat ja im Westen immer diesen Touch von Entbehrung. Viele haben mir gesagt: Bist du wahnsinnig, dass du da hinwillst, hast du das nötig? Aber ich kann mich nicht beklagen. Die Erfahrung, auch die berufliche, ist absolut positiv.