Russlands Abhängigkeit vom Ölpreis lässt sich nahezu eins zu eins an den Außenhandelsdaten ablesen. Kostete das Barrel in den ersten drei Quartalen 2008 noch durchschnittlich 100 US$, so fiel der Preis im gleichen Zeitraum 2009 auf 51 US$. Russlands Außenhandelsumsatz ist laut Zollstatistik von Januar bis Oktober 2009 um 42 Prozent geschrumpft. Als Folge hat sich auch der Handelsüberschuss fast halbiert auf 105 Mrd. $ (Januar bis Oktober 2008: 183 Mrd. $). Besonders die geringeren Erlöse für Öl und die gesunkene Auslandsnachfrage nach Erdgas haben ins Kontor geschlagen. Mengenmäßig konnte Moskau in den ersten drei Quartalen 2009 zwar sogar mehr Erdöl exportieren als im Vergleichszeitraum 2008 (184 Mio. Tonnen gegenüber 182 Mio. Tonnen). Allerdings lagen die Einnahmen dafür nur noch bei 69 Mrd. $. Das waren rund 64 Mrd. $ weniger als ein Jahr zuvor. Dieses Geld fehlt in den Kassen des Staates und der Unternehmen ebenso wie die ausgefallenen Einnahmen aufgrund der gesunkenen Exporterlöse bei Erdgas. Hier hat sich das Ausfuhrvolumen bis September 2009 um knapp ein Drittel auf 109 Mrd. Kubikmeter verringert. Mit 28 Mrd. $ konnten die Gaskonzerne im Ausland nur noch halb so viel Geld verdienen wie in den ersten drei Quartalen 2008.
Aber die Trendwende hat längst eingesetzt. Die Weltmarktpreise für Rohöl und Gas steigen kontinuierlich und lagen Anfang 2010 so hoch wie seit über einem Jahr nicht mehr. Ähnlich positiv entwickeln sich die Preise für wichtige Metalle wie Aluminium, Nickel oder Kupfer. Damit wird auch die leichte Veränderung der Exportstruktur, die 2009 zu beobachten war, wieder ihr Ende finden. Denn von der Dominanz der Energieträger und Metalle bei den Ausfuhren wird sich Russland nicht so schnell befreien. Immerhin verdoppelte sich der Anteil der Lebensmittel und Agrarprodukte an den Exporten. So verkaufte Russland in den ersten zehn Monaten 2009 rund 60 Prozent mehr Weizen ins Ausland (14 Mio. Tonnen) und erzielte damit Einnahmen von 2,3 Mrd. $ (-1 Prozent wegen der gesunkenen Preise). Auch Chemieerzeugnisse, Maschinen und Fahrzeuge legten leicht zu.
Für 2010 besteht berechtigte Hoffnung, dass der Außenhandel wieder Fahrt aufnimmt. Die steigenden Exporterlöse der Rohstoffkonzerne sollten frisches Geld ins Land spülen, das für Investitionen verwendet werden kann. Außerdem ist die Kreditbeschaffung der Unternehmen leichter geworden. Die Banken vergeben wieder Kapital für Modernisierungsvorhaben und das zu günstigeren Zinssätzen als 2009. Dies dürfte den Importen Auftrieb geben. Denn 2009 haben die Einfuhren erheblich unter den schwachen Exportzahlen gelitten. Die ausbleibenden Einnahmen der Öl- und Gasförderer sowie der Metallurgie-Kombinate fehlten für die Anschaffung neuer Ausrüstungen im Ausland. Hinzu kam der stark abgewertete Rubel, der Importe erheblich verteuerte. Insgesamt sind die Einfuhren von Januar bis Oktober 2009 ebenso wie die Ausfuhren um 42 Prozent gesunken. Das betraf vor allem Investitionsgüter. Der Anteil von Maschinen und Ausrüstungen an den Einfuhren ist um zehn Prozentpunkte gefallen. Dafür verbuchten Chemieprodukte und Lebensmittel Anteilszuwächse in der Statistik. Gemessen am Wert waren die Einfuhren aber auch bei diesen Positionen rückläufig. Zum Beispiel sind die Milchimporte auf ein Fünftel gesunken. Ebenso gab es bei Fleisch und Getreide starke Einbußen.
Deutschlands Anteil am russischen Außenhandel ist 2009 deutlich gesunken. War die Bundesrepublik jahrelang der wichtigste Handelspartner Moskaus, so liegt sie inzwischen nur noch auf Platz drei. Zwischen Januar und Oktober 2009 belief sich der deutsche Anteil am russischen Außenhandelsumsatz auf 8,4 Prozent (Januar bis Oktober 2008: 9,1 Prozent). Vor allem der starke Einbruch der einst dominierenden Maschinenlieferungen hat die Position deutscher Exporteure geschwächt. Nun erzielen die Niederlande (Anteil: 8,6 Prozent) und die VR China (Anteil: 8,44 Prozent) die größten Umsätze im Handel mit Russland.
Statistiken des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) zeigen, wie erdrutschartig die deutschen Ausfuhren zurückgegangen sind: Von Januar bis Oktober 2009 wurden 44 Prozent weniger Maschinen und Ausrüstungen nach Russland geliefert. Der Wert der Exporte belief sich nur noch auf 3,9 Mrd. Euro. Während sich der Rückgang bei Werkzeugmaschinen in Grenzen hielt (-25 Prozent), waren die Einbrüche bei Bau- und Baustoffmaschinen (-64 Prozent), Kunststoff- und Gummimaschinen (-51 Prozent) und bei Landtechnik (-63 Prozent) heftig.
Besonders die Lieferungen von Landmaschinen sind dabei von den protektionistischen Maßnahmen der russischen Regierung betroffen. Einziger Lichtblick in der deutschen Handelsbilanz mit Russland: Sie weist 2009 wieder einen positiven Saldo auf. Von Januar bis Oktober 2009 hat Deutschland laut Zollstatistik einen Handelsüberschuss von 2,3 Mrd. $ erzielt. Im Vorjahreszeitraum war noch ein Minus von 1,2 Mrd. $ zu verzeichnen gewesen.
In seiner Prognose für 2010 hat das russische Wirtschaftsministerium Ende 2009 drei Szenarien für den Außenhandel entwickelt. Selbst in der pessimistischsten Variante wird sich das Volumen in den Folgejahren deutlich erhöhen. Nach Exporten von 305 Mrd. $ im Jahr 2009 werden für 2010 Ausfuhren von 317 Mrd. bis 363 Mrd. $ erwartet. Bis 2012 könnten die Exporte dann 441 Mrd. $ erreichen, wenn die Ölpreise sich bei mehr als 80 $ je Barrel einpendeln, prognostiziert das Wirtschaftsministerium. Das wäre fast wieder der Stand des bisherigen Rekordjahres 2008.
Auch bei den Importen gibt sich die Regierung hoffnungsvoll. Sie könnten 2010 bei 212 Mrd. bis 232 Mrd. $ liegen (2009: 195 Mrd. $). Schon 2012 werden die Einfuhren dann einen neuen Höchststand von etwas über 300 Mrd. $ erreichen, schreibt das Wirtschaftsministerium in seiner Prognose. Allerdings wird Deutschland es schwer haben, die VR China als wichtigsten Lieferanten Russlands wieder von ihrem Thron zu stoßen.