An diesem Kirchenturm kommt kein Blick vorbei. Noch in Bauplanen gehüllt, ist er mit seinen 60 Metern den tiefhängenden Wolken am Moskauer Himmel ganz nah. Vor der beigen Fassade stapeln sich Bretter, Kabel und kipplige Holzgerüste. Aber von einem Rohbau kann bei der St. Peter- und Paul-Kirche nicht die Rede sein. 2004 begann die Hauptrestauration, heute schmückt wieder das vier Meter hohe Metallkreuz auf der Turmspitze die Silhouette der Hauptstadt.
Im Kirchenschiff feiern die Gläubigen längst schon wieder Gottesdienste. Die Besonderheit: jeden Sonntag werden zwei Messen abgehalten, eine auf Deutsch und eine auf Russisch. „Es gibt kaum Unterschiede zwischen den Leuten, die zur deutschen, und denen, die zur russischen Messe kommen, erzogen wurden sie alle unter sowjetischem Einfluss“, sagt Pastor Dmitrij Lotow, seit 1997 im Dienste der St. Peter- und Paul-Kirche. Einst dominierten Deutsche und Russlanddeutsche unter den Kirchengängern, heute besteht der Großteil der Gemeinde aus Russen. „Das ist für uns ein großes Plus, denn wenn die Gemeinde nur nationale Minderheiten als Mitglieder hätte, hätte sie kaum eine Zukunft“, sagt Lotow.
Der lutherische Glaube war in Russland immer schon ein Glaube der Minderheit. „Wir sind wie Dinosaurier, eine sehr alte Kirche, deshalb wird uns Pietät entgegengebracht. Aber einen großen Einfluss haben wir nicht“, sagt Pastor Lotow. Die ersten Anhänger Martin Luthers kamen Mitte des 16. Jahrhunderts in die russische Hauptstadt: Handwerker, Ärzte, Kaufmänner und Offiziere aus dem Nordwesten Europas. Zar Peter der Große legte 1694 den Grundstein für die Kirche der St. Peter- und Paul-Gemeinde — nicht der letzte Baustart in der 400-jährigen Geschichte dieser Lutheraner. Die Kirche wurde mehrfach zerstört, der jetzige Bau am Starosadskij Pereulok wurde 1905 eingeweiht.
Ihr dunkelstes Kapitel erlebte die St. Peter- und Paul-Gemeinde unter den Kommunisten. Nach der Ermordung des Pastors Alexander Schtrek 1936 wurde die Kirche umfunktioniert, erst zu einem Kino, dann zum Filmstudio. Buchstäblich die Spitze des Eisbergs: Die Turmspitze wurde anlässlich der Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1957 abgeschlagen.
Erst nach der Perestrojka fand die Kirche zu alter Bestimmung zurück — spurlos sind die schweren Tage nicht an ihr vorbeigegangen. Wo einst der Altar war, standen Film- Kopiermaschinen. Die Eigentumsverhältnisse der zehn Gebäude, die früher im Besitz der Gemeinde waren, sind bis heute nicht geklärt. Siebeneinhalb Bauten gehören wieder der Kirche, ein ehemaliges Gymnasium und das Pastorat sind in Händen des Inlandsgeheimdienstes FSB. „Ich hoffe, dass in der nahen Zukunft die Kirche wieder als Besitzer eingetragen wird. Die jetzige Situation ist so nicht tragbar“, sagt Dmitrij Lotow.
Es ist eine zähe Mission, der sich die Gemeinde verschrieben hat. Die millionenteure Restaurierung stemmen die Moskauer und die russische Regierung, Firmen und Privatpersonen — „ohne deutsche Hilfe“, fügt Lotow hinzu. Resultat: Kirchenschiff und -turm wurden mithilfe von Fotografien originalgetreu wieder errichtet. Auch der ganze Stolz von Pastor Lotow, Konzertleiter der Kirche, steht schon an ihrem Platz: eine Orgel, die 1898 in Frankfurt-Oder gebaut wurde und die Sowjetzeit in einem Krematorium überlebte. Lotows Frau Julia spielt sonntags auf der Orgel. 1 000 Menschen könnten der Musik und den Worten der Pastoren lauschen. So viele finden in der St. Peter- und Paul-Kirche Platz. 360 sind derzeit in der Gemeinde registriert.
Webseite: www.peterpaul.ru