Max Otto von Stierlitz musste als erster dran glauben. Der sowjetische Agent im Berliner Nazi-Hauptquartier, umjubelter Filmheld des Klassikers „Semnadzat mgnowenij wesny“ („17 Augenblicke des Frühlings“), bekam braune Haare verpasst. Dann kam der alte Kriegsfilm „V boi idut odni stariki“ („In den Kampf ziehen nur die Greise“) an die Reihe – grüne Wiese, rotes Blut. In diesem Jahr setzen russische Produktionsfirmen die Colorierung alter Klassiker fort. Sie hoffen auf mehr Zuschauer – bislang ist der Erfolg spärlich.
Die Colorierung eines Films kostet viel Sorgfalt und Zeit. Obwohl Computer die Arbeit erleichtern, brauchte das US-amerikanische Studio „Legend films“ acht Monate, um bei „In den Kampf ziehen nur die Greise“ aus Schwarz-Weiß Bunt zu machen. Die Techniker tilgen Kratzer auf dem Film, fügen Geräusche hinzu und färben schließlich alle Gegenstände. Am schwersten sei es, Haare zu colorieren, sagt ein Studiotechniker. „Es ist kompliziert, die Haare von der Umgebung abzugrenzen.“ An den Arbeiten wirkten Militärflieger, Spezialisten für historische Kostüme und zu guter Letzt die Schauspieler mit. Kostenpunkt für die Überarbeitung: 1,25 Millionen Euro.
Das Meinungsforschungsinstitut „TSN“ hat die Resonanz auf die gefärbten Filme untersucht. Laut ihren Daten schalteten im Mai 2009 bei „In den Krieg ziehen nur die Greise“ 3,6 Prozent mehr Zuschauer ein als bei der letzten Ausstrahlung in schwarz-weiß. Vertreter des ersten staatlichen Fernsehkanals verkünden, dass 89 Prozent der Zuschauer den Film als positiv einschätzten.
Was den anderen colorierten Film betrifft – „17 Augenblicke des Frühlings“ – war die Reaktion schon deutlicher und vor allem negativer. „Fernsehkiller“ des Senders „Rossija“ hätten viel Geld ausgegeben, um aus dem stilvollen, eindringlichen Film über einen sowjetischen Spion einen billigen Abklatsch zu machen, der mit dem „Schundstandard“ des russischen Fernsehens übereinstimme, verkündeten Kommunisten aus St. Petersburg. „Nun ist es eine Art Western.“ Die Farbgegner haben Klage gegen die staatliche Fernsehgesellschaft „VGTRK“ eingereicht. Sie wollen wieder das Original in schwarz-weiß sehen – und 24 Millionen Euro Schadensersatz. Noch ist das Urteil nicht gefallen.
Die Filmfangemeinde ist gespalten. Dieselben jungen Russen, die im Internet die colorierten Filme loben, schwärmen vom US-amerikanischen Autorenfilmer Jim Jarmusch, der Filme wie „Coffee and Cigarettes“ ausschließlich in schwarz-weiß dreht. Die Blogger mögen Jarmusch für sein Einfühlungsvermögen und sie mögen vor allem den alten Max Otto von Stierlitz. Der sowjetische Spion, aufgenommen in den 70er Jahren ist bei den Jugendlichen ungebrochen populär – trotz grau in grau. Der Blogger „eleramo“ fasst enttäuscht zusammen: „Das ist nur ein Beispiel dafür, wie man bei uns mit Geschichte umgeht.“ Alexander Ljubimow, erster Stellvertreter beim Sender „Rossija“, kann die Aufregung nicht verstehen. Die Ausstrahlung der colorierten Fassung von „In den Krieg ziehen nur die Greise“ am 9. Mai sei ein Geschenk an die Veteranen Russlands gewesen. Der Auftrag für die beiden nächsten Colorisierungen in den USA ist schon erteilt: „Wolga-Wolga“ aus dem Jahre 1938 und „Der Findling“ von 1939.
So wird zum Streitfall, was einst als große Errungenschaft des Films galt. Einer der ersten Filmemacher überhaupt, die mit Farbe arbeiteten, war der Russe Sergej Eisenstein. Die Fahne des berühmten Panzerschiffes „Potjomkin“ färbte der Regisseur im Anschluss an die Dreharbeiten 1925 eigenhändig auf dem Filmband rot nach.