Es klingt wie Ironie des Schicksals: Repressionen in der Stalin-Ära sind sein Fachgebiet — nun wurde der Archangelsker Historiker und Universitätsprofessor Michail Suprun selbst Opfer des russischen Geheimdienstes. Der Historiker arbeitete an einer Liste jener Russlanddeutschen, die unter Stalin verurteilt, deportiert oder hingerichtet worden waren.
„Manche Leute sehen es nicht gerne, wenn ihre Verwandten als Täter in den Listen auftauchen“, wurde Suprun Mitte vergangenen Monats lakonisch mitgeteilt, nachdem er auf einer Autofahrt zwischen Archangelsk und Sewerodwinsk von der Polizei angehalten und vor den „Leiter der Ermittlungen“ gezerrt wurde. Kurz darauf klopfte schon der Geheimdienst an die Tür – und konfiszierte Dokumente, Computer und sämtliche Datenträger. „Sie haben sogar die Unterlagen meines Sohnes mitgenommen“, so Suprun zur „Nowaja Gaseta“. Die Auswirkungen für den Historiker sind verheerend: Seine langjährige Forschungsarbeit ist ruiniert, zudem drohen ihm bis zu vier Monaten Sozialarbeit.
Die Liste jener Russlanddeutschen, die in den 30er und 40er Jahren Opfer des stalinistischen Terrors im Gebiet Archangelsk wurden, sollte nach Fertigstellung im Rahmen des Projektes „Erinnerungsbücher“ (Russisch: „Knigi Pamjati“) publiziert werden. „Das Projekt wird zur Gänze von deutscher Seite, das heißt dem Roten Kreuz, finanziert. Als Gegenzug erklärte sich das russische Innenministerium bereit, alle nötigen Dokumente aus den Archiven zur Aufklärung des Schicksals der Russlanddeutschen bereitzustellen“, sagte Anton Bosch, Vize-Vorsitzender des Historischen Forschungsvereins der Deutschen aus Russland.
Neben Suprun ist auch Alexander Dudarew, Mitarbeiter des territorialen Informationszentrums Archangelsk, wegen „Überschreitung der Dienstvollmachten“ angeklagt. Er hatte Suprun bei der Beschaffung der Dokumente geholfen. Ohne Erlaubnis der Angehörigen dürften private Daten erst nach 75 Jahren weitergegeben werden, so der zuständige Staatsanwalt Schewtschenko. Suprun selbst bezeichnet dies als absurd.
„Erinnerungsbücher dieser Art wurden bereits zur Zeit der Perestrojka publiziert und damals sogar von der Staatsanwaltschaft selbst initiiert“, teilte der Historiker „polit.ru“ mit. Zudem gilt in Russland seit 1992 das so genannte „Rehabilitierungsgesetz“, das die Arbeit mit Akten dieser Art — unabhängig von der persönlichen Erklärung der Angehörigen — erleichtern soll. Was hinter den Repressionen gegen das Projekt stecken könnte, ist ungewiss. „Auf jeden Fall werden sich diese Ereignisse negativ auf das deutsch-russische Verhältnis auswirken", sagte Michail Suprun.