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Auf der Jagd nach Viren und Spam
Jewgenij Kaspersky ist sich sicher, dass russische Programmierer die besten sind
MDZ 2009-07-30
Autor: Katlen Trautmann
Foto: Katlen Trautmann
[Druckversion]


Die russische Software-Security-Firma Kaspersky Lab ist Marktführer bei Antiviren-Software in Russland. Auch in Deutschland steht die Firma bei freiverkäuflichen Schutz-Programmen auf Platz eins. Der heute 43-jährige Firmengründer, Geschäftsführer und Leiter der Forschungsabteilung Jewgenij Kaspersky hat mit 14 Jahren sein erstes Antivirenprogramm geschrieben — damals noch auf Band. Im Juni wurde er für seine Verdienste auf dem Gebiet der IT-Sicherheit mit dem Staatspreis der Russischen Föderation im Bereich „Wissenschaft und Technologie“ ausgezeichnet. Der Preis gilt als höchste russische Auszeichnung für Einzelpersonen. Im Interview spricht Jewgenij Kaspersky über sorgloses Surfen im Netz, Cyberkriminalität und Wachstum in der Krise.



Herr Kaspersky, kaufen Sie eigentlich auch im Internet ein?

Das macht meine Frau mit meiner Kreditkarte, und ich erhalte die SMS-Bestätigung. Ich kaufe nichts übers Internet.


Vor welchen Attacken soll uns Ihre Software beschützen?

Versteckte Programme, Viren oder Würmer werden heute halb- oder vollautomatisch entwickelt und schaffen einen Sturm von Angriffen auf die Rechner. Unser Analysecomputer in der Zentrale in Moskau filtert drei bis fünf Viren aus den Proben — pro Minute. Täglich erscheinen bis zu 17 000 Schädlinge und Viren-Modifikationen in der Computerwelt. Nach verschiedenen Studien beträgt der Schaden durch Cyberkriminalität derzeit weltweit etwa 100 Milliarden Dollar. Die genauen Summen kennt keiner. Terroristische Attacken bilden den zweiten großen Komplex. Diese Hacker brauchen Kontrolle über fremde IT-Systeme, um beispielsweise die Stromversorgung lahm zu legen.


Immer wieder gibt es Klagen über russische Hacker und Raubkopierer. Aus Ihrer Sicht zu Recht?

Zunächst mal: Kaspersky Lab schreibt alle seine Programme selbst. Wir kopieren keine Programme und schreiben auch keine Virenprogramme selbst, nicht mal zu Testzwecken im eigenen Haus. Etwa 60 bis 70 Millionen Dollar pro Jahr stecken wir in Forschung und Entwicklung. Aber es ist richtig, dass sehr viele Schadprogramme von russischen Hackern programmiert werden. Auch auf der illegalen Seite zeigt sich das Expertenwissen der russischen Programmierer. Man muss aber auch sagen, dass die meisten Viren derzeit aus China und Brasilien stammen.


Wie kann der private Nutzer sich schützen?

Wenn man Regeln einhält, ist Internetbanking sicher. Sie sollten nicht alles herunterladen und nicht alle Mails öffnen. Wenn Sie oft auf Pornoseiten surfen, kann es gefährlich werden, denn diese Seiten sind oft infiziert. Und Sie brauchen ein gutes Antivirusprogramm. Die beste Antiviren-Software kommt aus Russland. Wir informieren die Nutzer darüber, dass sie beispielsweise nicht auf gefährliche Seiten gehen und die Updates regelmäßig herunterladen sollten. Und wir kooperieren mit der Polizei.


Und wie bremst Kaspersky Lab die Konkurrenz aus?

Wir konzentrieren uns auf die Weiterentwicklung der Qualität unserer Programme und auf die Technik. Die familiäre Unternehmensstruktur und unser Netzwerk tragen auch dazu bei. Ich habe weltweit eine Gruppe von 30 Experten aufgebaut, die die nationalen Besonderheiten der Computerkriminalität analysiert. Auch deutsche Fachmänner sind dabei. Das alles ist ein großer Vorteil. Unsere Konkurrenten haben in der Vergangenheit die Budgets für Forschung gekürzt und allein auf Marketing gesetzt.


Was bringt die Strategie dem Unternehmen an messbaren Ergebnissen?

Im Jahr 2008 haben wir einen Umsatz von etwa 360 Millionen Dollar erreicht, das bedeutet ein Wachstum von 78 Prozent. Damit sind wir — abgesehen von Start-Ups — das am schnellsten wachsende Unternehmen für Virenschutz-Software. Das Tempo halten wir. Bei deutschen Privatkunden sind wir übrigens sehr erfolgreich. Sie sind besonders vorsichtig.


Macht Ihnen die Wirtschaftskrise nicht einen Strich durch die Rechnung?

Nein. Wir verkaufen ja einen Service mit ständigen Updates. Kaspersky Lab wird auch in diesem Jahr wachsen, aber langsamer. Ich erwarte einen zweistelligen Zuwachs von deutlich mehr als zehn Prozent.


Wie wollen Sie das schaffen? Durch Zukäufe von Firmen?

Wir sind schon die am schnellsten wachsende Firma der Branche und brauchen keine Marktanteile zu kaufen. Das wäre auch gefährlich, denn wir könnten unseren Fokus verlieren und uns mehr mit Bürokratie als der Sicherheit unserer Kunden beschäftigen. Wir wachsen durch Forschung und Kreativität aus eigener Kraft.


Aber vor rund fünf Jahren hat Kaspersky eine auf Spamerkennung spezialisierte Firma gekauft.

Das stimmt. Dieses Unternehmen haben wir gekauft, um den wichtigen Bereich des Spam-Schutzes integrieren zu können, ohne selbst erst Experten auf diesem Gebiet ausbilden zu müssen. Der Kauf bleibt aber eine Ausnahme.


Wie entwickelt sich die Computerkriminalität in Zeiten der Krise?

Ich fürchte, dass die Finanzkrise diese Kriminalität weiter anfacht. In Krisenzeiten steigt einerseits jegliche Kriminalität. Anderseits werden Zehntausende IT-Fachleute entlassen, die an ihrer Firma zum Abschied Rache nehmen. Wissen Sie, die kriminellen Gruppen wiederholen Entwicklungen der Softwareindustrie einfach in illegaler Form.


Sie beraten russische Sicherheitskräfte und das FBI. Gibt es da keine Interessenkonflikte?

Nein, beide kooperieren ja selber untereinander. Mit dem FBI tauschen wir einfach Wissen und Erfahrungen aus.


Wohin will das Unternehmen in den kommenden zehn Jahren?

Ich sehe uns als Marktführer bei Antivirenprogrammen weltweit. Wir gehen schrittweise vor, eröffnen beispielsweise demnächst einen Standort in St. Petersburg. Es ist zunehmend schwerer, gute Ingenieure zu finden. Russische Programmierer sind einfach besser als beispielsweise deutsche oder japanische. Aber es gibt zu wenige von ihnen.



Das Gespräch führte Katlen Trautmann.


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