Mitte Juli war Bayern in Moskau sehr präsent: Bürgermeister Jurij Luschkow eröffnete nicht nur das Bierfest, sondern direkt im Anschluss auch die 12. Bayerischen Wirtschaftstage. Über 50 mittelständische bayerische Unternehmer aus den Branchen Bau, Verkehrsleitsysteme, Umwelttechnologie und Sensorik waren an die Moskwa gereist, um Geschäftskontakte zu knüpfen und zu intensivieren.
Moskaus stellvertretender Bürgermeister Jurij Rosljak betonte laut der Deutschen Presse-Agentur dpa, dass die derzeitige globale Krise in den bayerisch-russischen Beziehungen keinen Niederschlag fände. Allerdings in der weiß-blauen Exportbilanz: Das Volumen ging um 42 Prozent auf 600 Millionen Euro zurück. Der mitgereiste bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) betonte, dass der Freistaat sich deshalb „nicht ins Bockshorn jagen lassen“ würde: „Wir haben überhaupt keinen Grund, uns jetzt zurückzuziehen.“
Eine Chance für das Handwerk sieht Otto Pravida, Chef eines 40-Mann-Baubetriebs aus der Oberpfalz, im Rückzug einiger Großkonzerne aus dem operativen Geschäft: „Wenn jemand mit Russland Geschäfte machen möchte, dann jetzt: Nicht die Größe, sondern die Flexibilität eines Betriebs zählt beim Lösen dieser Aufgaben“, bilanziert der 48-Jährige, der das Wort „Problem“ nicht gern in den Mund nimmt.
Abgesehen von Kontakten zur Wirtschaft und dem Gebiet Moskau ermöglichten die Wirtschaftstage auch den Austausch mit Referenten, die Tipps fürs Andocken an die russische Wirtschaft parat hatten: Alexander Korowkin von Bosch riet, immer als Subunternehmer einzusteigen und sich im Hintergrund zu halten, außerdem mit Beweisen guten Willens großzügig zu sein: „Bei uns hat die Vorleistung eines hundertseitigen Konzepts überzeugt und zur Auftragserteilung geführt.“ Steffen Sendler von Drees & Sommer empfahl, nicht im Alleingang, sondern im Kollektiv mit erfahrenen Büros in den russischen Markt einzusteigen. „Gut ist auch, nichts komplett Neues anzubieten, sondern etwas Bestehendes zu optimieren.“ Sotschi als Olympia-Austragungsort 2014 sei eine attraktive Möglichkeit, sich einzubringen.
Beispiel für den Durchhaltewillen der bayerischen Firmen ist das Familienunternehmen von Otto Pravida. „Unser Geheimnis ist, dass wir es rechtzeitig vom technokratischen zum dynamischen Unternehmen geschafft haben“, erklärt Pravida, gebürtiger Oberpfälzer mit Blick für die Welt jenseits der bayerischen Landesgrenzen. Die Modernisierung der Firma wurde vor 40 Jahren mit der Herstellung von Transportbeton eingeleitet. „Jetzt bauen wir energieeffiziente Industriegebäude und Privathäuser, außerdem Strahlenschutzbunker, in denen Krebszellen mit hochbeschleunigten Protonen torpediert werden.“ Das Besondere an diesen „Superbunkern“ — erfunden von Ingenieur Jan Forster — steckt in den Wänden: „Wir ziehen keine massiven Betonmauern hoch, sondern zwei relativ dünne — der Zwischenraum wird mit Mineralien gefüllt und verdichtet.“ Das gleiche Maß an Sicherheit, nur günstiger, schneller und leichter wieder zu beseitigen, wenn der Raum nicht mehr gebraucht werden sollte: „Wir müssen nicht sprengen, sondern saugen einfach die Mineralien ab und demontieren die Wände“, erklärt der gelernte Ingenieur seinen Clou, der ihm Aufträge aus ganz Europa beschert. Beteiligt ist er beispielsweise in Paris am Bau des größten Krankenhauses des Landes.
Ein Projekt in Moskau stagniert derzeit wegen der Krise: „Aber wir bleiben dran und köcheln auf kleiner Flamme“, sagt Pravida. Für sehr wertvoll in einem Umfeld, das von schwieriger Kommunikation geprägt ist, hält Pravida das Engagement des stellvertretenden Bürgermeisters: „Jurij Rosljak nahm sich 15 Minuten für ein Vier-Augen-Gespräch und gab mir seine persönliche Visitenkarte. Ich halte Rosljak für einen sympathischen Geschäftsmann mit klaren Vorstellungen, bei dem Wort und Handschlag noch gelten.“