Zum 1. Juli sind in Russland sämtliche Glücksspieleinrichtungen geschlossen worden. Sie sollen in vier extra einzurichtende Zonen in der Peripherie umziehen. Ein Teil der Unternehmer könnte jedoch auch auf einen fast in Vergessenheit geratenen Wirtschaftszweig umsatteln: das Spiel mit dem Los. Doch während die Lottobranche eilends eine Charta für verantwortungsbewussten Spielbetrieb aufgesetzt hat, bleibt für die meisten Beteiligten fraglich, ob ein Business das andere einfach ersetzen kann.
Weltweit ist das Lottospiel eine dynamische Wirtschaftsbranche mit einem durchschnittlichen Jahreszuwachs von zehn Prozent. Es bringt einen beträchtlichen und stabilen Gewinn für Staatshaushalte und auch für Wohltätigkeitsorganisationen. Laut Angaben der World Lottery Association werden jährlich auf der ganzen Welt Lotteriescheine für zirka 150 bis 160 Milliarden Dollar verkauft. In Russland ist diese Industrie jedoch längst nicht mehr so stark verbreitet, wie sie es früher einmal war.
Anders als bei anderen Arten des Glücksspiels geht es bei Lotterien nur um den Verkauf von Gewinnlosen. Dabei ist die Lottoindustrie auch dem Wohl der Gemeinschaft verpflichtet. Gemäß dem russischen Gesetz müssen Lottounternehmen nicht weniger als zehn Prozent ihres Gesamtumsatzes für die Förderung von sozial wichtigen Projekten abführen. Durch die Einnahmen des in der Sowjetunion erfolgreichsten Lotteriebetriebs „Sportlotto“ wurden beispielsweise mehrere Objekte für die Olympischen Spiele 1980 finanziert. Die aus „Sportlotto“ hervorgegangene Organisation „Rossijskije Lotereji“ reicht in Bekanntheit und Beliebtheit nicht an ihren sowjetischen Vorgänger heran. Heute ist das Fernsehgewinnspiel „Russkoje Loto“ mit einem Anteil von 38 Prozent der größte Spieler auf dem Markt der Gewinnlotterie. Streitig machen will ihm diese Position „Interlot“ (36 Prozent Marktanteil) mit dem Format „Solotoj Kljutsch“ (russisch für „Goldener Schlüssel“), der einzigen russischen Lotterie, bei der man eine Wohnung gewinnen kann. In der Zeitspanne von 2006 bis 2008 hat „Russkoje Loto“ mehr als 270 Millionen Rubel für Wohlfahrtsprojekte abgegeben. Bei der „Interlot“ belief sich der Betrag in derselben Periode auf 355 Millionen Rubel. Vermittelt und verkauft werden die meisten Lotteriescheine durch die russische Post und die Sberbank.
Sergej Kusnezow, der Generaldirektor von „Rossijskije Lotereji“, beschreibt das Lotteriespiel als eine Form der Unterhaltung, ein Vergnügen, das sich vor allem Leute mit mittlerem Einkommen leisten, da ein Los verhältnismäßig wenig koste. Ganz anders verhielte es sich bei der Kasino- und Spielautomatenindustrie, die Gewinn mit der häufig vorkommenden Abhängigkeit der Spieler mache. Deren Verluste seien dabei vorprogrammiert und einkalkuliert. „Die Spielindustrie ist mit sechs Milliarden Dollar Gesamtumsatz wirtschaftlich aber viel bedeutender als der Lottobetrieb mit seinen 600 Millionen Dollar im Jahr“, sagt Kusnezow. „Trotz der Unterschiede besteht jedoch die Gefahr, dass ein Teil der Spielindustrie in Zukunft auf den Lotteriemarkt drängt. Das könnte das Image des Losspiels negativ beeinflussen.“ Um dem entgegenzuwirken, arbeiten die Vertreter aller großen Lottounternehmen derzeit an der Verabschiedung einer „Charta der Teilnehmer des russischen Lottomarktes“.
Das Dokument will das Verantwortungsniveau des Wirtschaftszweiges steigern. Die Verfasser fordern mehr rechtliche Sicherheit. Wenn ein Lottounternehmen den Status einer juristischen Person beansprucht, soll es seinen finanziellen Hintergrund offen legen. „Die Leute in Russland zweifeln häufig an der Aufrichtigkeit und Liquidität der Lotteriebetriebe“, sagt Anatolij Lisdunow, Vorsitzender von „Interlot“. Das sei ein Grund, warum Russen jährlich nur Lose im Wert von drei bis zehn Dollar kaufen, während man zum Beispiel in Deutschland durchschnittlich 103 Dollar dafür ausgibt. „In Europa machen die Leute sich keine Sorgen, dass man sie betrügen könnte“, so Lisdunow. Ein weiteres Ziel, das die Autoren der Charta verfolgen, ist, potenziell gefährdete Gruppen wie Kinder und Jugendliche vor der schädlichen Wirkung der Spielindustrie zu schützen.
Doch trotz der Charta und den damit verbundenen Bemühungen, den Zugang der Spielindustrie zum Lottomarkt zu begrenzen, bleibt die Frage, ob der Lotteriebetrieb überhaupt geeignet ist, Kasinos und Spielautomaten zu ersetzen. Lisdunow sagt: „Nein. Es geht den Automaten-Bedienern ja nicht nur um den Gewinn. Sie sind abhängig vom Spielen. Da kann ihnen eine Lotterie nicht wirklich helfen, sondern maximal die Rolle eines Airbags spielen.“ Ähnlich sieht es auch Alexej Titkow, Dozent an der Staatlichen Hochschule für Wirtschaft: „Kasinogänger und Lottospieler sind ganz verschiedene Typen. Die großen Kasinos sind eher Teil eines luxuriösen Nachtlebens als Entspannungsmittel für einen gewöhnlichen Sterblichen. So etwas kann eine Lotterie nicht bieten.“ Dasselbe gelte im Kleinen auch für die Spielautomaten. Diese gingen höchstwahrscheinlich in den Untergrund, würden da aber auch so gut funktionieren, dass sie überhaupt nicht ersetzt werden müssten.