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Wettrüsten der Pipelines
Die EU und Russland liefern sich ein Rennen um Gas für die neuen Transitleitungen
MDZ 2009-06-06
Autor: Roman Schell
Foto: RIA Nowosti
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Während das Nabucco-Konsortium noch immer händeringend nach Zulieferern für seine Gasleitung nach Europa sucht, häufen sich beim größten Konkurrenten Gasprom die guten Nachrichten: Die Franzosen steigen bei Nord Stream ein, zusammen mit den Italienern will Gasprom die Kapazität von South Stream verdoppeln, auch an einer Pipeline aus dem Iran nach Indien arbeiten die Russen mit. Die Europäische Union will ihre Abhängigkeit vom russischen Gas verringern und hält weiter an Nabucco fest. Doch im Wettlauf um die profitabelsten Pipelines hat Russland im Moment die Nase vorn.



Die letzte Hiobsbotschaft für Nabucco kam Ende Mai aus dem Iran. In Zusammenarbeit mit Pakistan und der Unterstützung des russischen Energiekonzerns Gasprom will der Golfstaat eine Pipeline nach Indien bauen. Durch diese soll dann genau das Gas strömen, mit dem das europäische Pipelineprojekt fest gerechnet hat. Nabucco gelingt es trotz Unterstützung der Europäischen Union nicht, die acht Milliarden teure 3 300 Kilometer lange Transitröhre, die ab 2014 jährlich 31 Milliarden Kubikmeter Gas von der Region am Kaspischen Meer über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich befördern soll, mit genügend Rohstoffen zu füllen. Schon beim EU-Sondergipfel Anfang Mai in Prag wollten die wichtigsten möglichen Lieferanten, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan, das Schlussdokument über den Bau des „Südkorridors“ nicht unterschreiben.


Auch um Gas aus dem Irak wird gestritten. Was von den beteiligten europäischen Energieunternehmen noch Mitte Mai als Durchbruch für das Nabucco-Projekt dargestellt wurde, droht zu platzen: ein Gasdeal mit dem kurdischen Autonomiegebiet im Nordwesten des Irak. Die Regierung in Bagdad will das Vorhaben nicht unterstützen. Bisher ist das einzige Land, das Lieferungen zugesichert hat, Aserbaidschan. Doch erstens würde das Gas aus der kleinen Kaukasus-Republik nicht ausreichen und zweitens haben die Aserbaidschaner auch mit dem russischen Gasmonopolisten ein Verständigungsabkommen über Gaslieferungen unterschrieben. Der Präsident des Instituts für Energetik und Finanzen, Leonid Grigorjew, sieht die Zukunft von Nabucco skeptisch. „Das Projekt hat einfach nicht genügend Zulieferer und ist deshalb kaum zu realisieren."


Unterdessen treibt Konkurrent Gasprom sein 8,6 Milliarden Euro teueres Konkurrenzprojekt South Stream voran. Die 900 Kilometer lange Leitung soll schon im Jahr 2013 Erdgas aus Russland und Zentralasien durch das Schwarze Meer nach Europa bringen. In Anwesenheit des russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin und seines italienischen Kollegen Silvio Berlusconi unterzeichnete Gaspromchef Alexej Miller Mitte Mai in Sotschi die Partnerschaftsverträge zur Umsetzung von South Stream mit Energieunternehmen aus Bulgarien, Griechenland und Serbien. Schon bald sollen Abkommen mit Österreich und Slowenien folgen. Gleichzeitig hat sich der Gasriese in Zusammenarbeit mit dem italienischen Konzern Eni vorgenommen, die Kapazität von South Stream zu verdoppeln. Nun geht es um ein Transportvolumen von 63 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr.


Auch bei einem weiteren großen Gaspromprojekt geht es vorwärts. Der erste Strang von Nord Stream soll 2011 in Betrieb genommen werden. Jetzt zeigte der französische Energiekonzern GDF an der 7,2 Milliarden Euro teuren und 1 220 Kilometer langen Ostsee-Pipeline Interesse, die von Russland durch finnische, schwedische und dänische Gewässer nach Deutschland gehen soll. 2,5 Milliarden Kubikmeter Gas wollen die Franzosen jährlich kaufen. „Mit dem Einstieg von GDF zeigt sich: Nord Stream bleibt weiterhin ein wichtiges Projekt für die EU“, meint Energieexperte Grigorjew. Unabhängigkeit von Russland erreicht die EU damit freilich nicht.


Das „Wettrüsten“ der Pipelines ist längst zum Politikum geworden. Auf dem EU-Russland-Gipfel Ende Mai in Chabarowsk herrschte keine Harmonie beim Thema Energiesicherheit. In der Stadt am Amur erklärte der russische Präsident Dmitrij Medwedew, dass sein Land die Energiecharta von 1991, die bislang 49 Staaten ratifiziert haben, in der jetzigen Form nicht unterschreiben werde. Die Unterzeichner der Charta verpflichten sich, auch bei einem Streit um Transitbedingungen die Liefermengen nicht zu drosseln oder zu unterbrechen. Im Gasstreit mit der Ukraine im zurückliegenden Winter hatte Russland genau zu diesem letzten Mittel gegriffen. Jetzt warb der Kremlchef für ein neues Dokument.
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