Russlands Präsident, Wladimir Putin, feierte am Sonntag seinen 60. Geburtstag. Die Kreml-nahe Jugendorganisation „Naschi“ wünschte ihm mit einer großen Party im Moskauer Club Barbados alles Gute – und obendrein eine vierte Amtszeit.
Von Vinzenz Greiner
Draußen im Hof stehen ein paar Audis, BMWs und drei Porsches. Drinnen tragen die Jungs Hemden, Sakkos, darüber schneidige Gesichter mit kantigen Brillen, aber kaum jemand Bart. Frauenkörper wippen in engen Abendkleidern zur lauten Musik aus Europa und den USA. Sie unterhalten sich über Politik, mit Champagnergläsern in der Hand. Machen Photos mit ihren iPads. Fast könnte man meinen, man befände sich auf einer Feier der Jungliberalen. Aber es gibt einen Unterschied: Die Partygäste sind zwar sehr jung, im Schnitt etwa 24 Jahre, aber nicht sehr liberal. Denn sie sind alle Mitglieder der konservativen Jugendorganisation „Naschi“, was „die Unsrigen“ bedeutet. Heute feiern sie den sechzigsten Geburtstag ihres Helden: Wladimir Putin.
Feiern für einen starken Leader
Gleich drei Leute kontrollieren die Gästeliste im Club Barbados, der passenderweise am Großen Putinkowskij Weg in Moskaus Zentrum liegt. Neben der Presse sollen ausschließlich Verehrer Wladimirs hinter den schweren Vorhängen die Treppen des Edelclubs nach oben steigen. Zwei bezahlte Models nach russischem Geschmack – dünn wie eine Birke, glattes, langes Haar und Beine bis zum Boden – begrüßen die Gäste mit geübtem Lächeln. Auf dem Plakat hinter ihnen prangt prominent Putins Konterfei mit Sonnenbrille. Daneben steht „Happy Birthday Mr. President!“ und auf Russisch „Vierte Amtszeit“.
Diese wünschen die jungen Russen nämlich ihrem Präsidenten zum Sechzigsten. „Damit er den Mittelstand weiter stärkt“, sagt Alexander. Neben dem Moskowiter biegt sich der Tisch unter Krabben-Häppchen und Pasteten. Alles kostenlos – wie auch die Flasche Scotch, macht Alexander mit einem selbstverständlichen Nicken klar. Die „Unsrigen“ haben mächtig Geld in die Party gesteckt, zu welcher der Präsident zwar eingeladen wurde, aber sicher nicht kommen wird. Als Familienmensch wird er im kleinen Kreis feiern, wie man hier weiß. Der Schampus, der Whisky, die Models, der Club … Sogar einen lebensgroßen Putin aus Karton hat Anastassija organisiert. Die 22-Jährige Pressefrau der „Naschi“, in sexy High-Heels und biederem Pullover, behält die Party im Blick, gibt Interviews, unterhält sich mit anderen Funktionären aus der „Jugendbewegung“, wie sich „die Unsrigen“ nennen. „Putin ist ein starker Führer!“, sagt sie. Deshalb brauche Russland ihn nicht nur für diese dritte Präsidentschaft, sondern noch eine Amtszeit länger.
„Stark“ scheint bei den „Unsrigen“ zum Modewort avanciert zu sein. Auch Pascha verwendet dieses Adjektiv gerne, wenn es um ihren Präsidenten geht. Sie stützt sich mit einer Hand auf die Schulter ihres Prinzen aus Pappe, himmelt ihn an. „Er ist ein richtiger Mann“, sagt sie stolz. Deshalb werde er auch nach seiner vierten Amtszeit in der Politik mitmischen und in die Geschichte eingehen. Im Club Barbados ist man sich einig: Russland braucht einen Führer wie Putin, der das Land voranbringt. Am besten bis es in allen Bereichen weltweit führend ist. Dies sieht der 25-jährige Designer Wladimir für die vierte Präsidentschaft seines Namensvetters voraus. „Er kann uns an die Spitze bringen. Es hat sich bis jetzt schon vieles zum Guten verändert unter Putin.“ Veränderung. Noch so ein Wort, das man aus dem Gedröhne der Tanzmusik immer wieder herauszuhören vermag. Auch im Manifest der „Naschi“ ist von Modernisierung die Rede und vom Aufbau einer aktiven Bürgergesellschaft.
Die sonntägliche Partygesellschaft möchte aber feiern und trinken. Damit die Gläser nicht leer werden, füllt das Team vom Barbados im Akkord nach. Heute ist ein schwarzes T-Shirts mir Putins Gesicht darauf Dienstkleidung. Nicht alle Kollegen hätten an diesem Tag arbeiten wollen. „Viele hatten plötzlich eine Reihe anderer Dinge zu erledigen“, sagt eine Kellnerin lachend, während sie die nächste Champagnerflasche öffnet. Eine Gruppe von fünf bürgerlichen Jungpolitikern lässt die Gläser zusammenkrachen, dass der Schampus schwappt. „Welches Russland?“, ruft einer. „Ein junges!“, schallt es zurück. Dieses junge, neue Russland, das verkörpern sie – so der Anspruch. Dass der erste Mann im Staat, der ihnen weiter voranschreiten soll, heute fast dreimal so alt ist wie viele an der Bar und auf der Tanzfläche, tut ihrem Enthusiasmus keinen Abbruch. „Alles, was Putin macht, macht er kompetent. Das wird sich im Alter nicht ändern“, erklärt eine Projektmanagerin bei „Naschi“.
Dann erstirbt die Musik, ein junger „Unsriger“ räuspert sich kurz ins Mikrophon. „Genau heute im Jahr 1952 kam er zur Welt. Wir gratulieren ihm zum Geburtstag und wünschen ihm eine vierte Amtszeit. Unserem Präsidenten Wladimir Putin!“ Sichtlich enttäuscht vom verhaltenen Applaus ruft er noch einmal ins Mikro: „Wladimir Putin!“ Die Mädchen Kreischen, die Jungs stoßen Freudenschreie aus, Gläser stoßen auf Gläser. Dann schiebt der DJ wieder die Regler nach oben und die Party geht weiter.
Wie es mit dem Geburtstagskind selbst weitergehen wird, wenn dann in elfeinhalb Jahren die wohl wirklich letzte Präsidentschaft Putins ihr Ende gefunden haben wird, weiß die Organisatorin Anastassija schon jetzt: „Dann wird die Macht an einen talentierten Nachfolger weitergegeben, der den richtigen Kurs beibehält.“ Ob sie diejenige hinter dem Steuerrad sein wird? Sie errötet etwas. „Vielleicht werde ich ja in 20 Jahren die erste Präsidentin Russlands“, sagt sie lachend.

Blog
