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11. November 2007

Eine eiskalte Karriere

Für die Karriere auf Kufen und seine neue Partnerin auf dem Eis ist Alexander Gazsi von Berlin nach Moskau gezogen. Nun träumt er mit seiner Partnerin von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen. Zunächst steht aber ein anderer Wettkampf bevor: Ende November wird er mit seiner Partnerin Nelli Schiganschina beim „Cup of Russia“ in Moskau starten.



Ein ganz normaler Vormittag in der Eishalle „Sinjaja Ptiza“ (Blauer Vogel) im Norden Moskaus: Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene tanzen in Paaren über das Eis, trainieren ihre eleganten Schritte, Pirouetten und Hebefiguren mal mit, mal ohne Musik, respektvoll weichen die „Kleinen“ an die Bande aus, wenn die „Großen“ ihr Programm in einem Zug durchlaufen und klatschen am Ende Beifall. An der Bande stehen die Trainerinnen, geben Anweisungen, kommen mitunter auch selbst aufs Eis, um einen Schritt, einen Griff zu demonstrieren. Mittendrin ist Alexander Gazsi aus Chemnitz. Atemlos kommt er an die Bande, zieht seinen warmen Pulli aus, dann geht es gleich weiter, noch eine Runde, noch einmal die gleiche Passage aus der neuen Kür zu einer modernen Version von „La Bohème“. Zweimal am Tag, sechsmal in der Woche trainiert der 23-Jährige hier mit seiner Moskauer Partnerin Nelli Schiganschina jeweils anderthalb Stunden auf dem Eis, dazu kommen noch Aufwärmtraining, Gymnastik, Choreographie. Zwischen den Trainingseinheiten ist Pause in der Umkleidekabine, gibt es ein Picknick aus mitgebrachten Butterbroten und Obst.



Nelli Schiganschina und Alexander Gazsi sind amtierende Deutsche Meister im Eistanz, sowie Teilnehmer der Europa- und Weltmeisterschaften 2007. Seit Sommer 2005 sind sie ein Paar auf dem Eis. Im Juni kam Alex, der in Chemnitz geborene und aufgewachsene Sohn einer Russlanddeutschen und eines Ungarn, auf der Suche nach einer Partnerin nach Moskau. Kontakte hatte ihm die russische Trainerin und Ex-Weltmeisterin Angelika Krylowa vermittelt, die damals in Berlin arbeitete. Mit Nelli wurde ein Geheimtraining organisiert, weil sie zu der Zeit einen anderen Partner hatte. „Wir hatten ganz wenig Zeit, weil wir uns verspätet hatten, standen im Stau. Ich glaube, wir hatten nur 15 Minuten“, erinnert sich der Tänzer. „Ich habe ihre Hand genommen, wir sind losgelaufen, und es war wirklich so – das passt. Das merkt man ja gleich. Auch die Trainer waren gleich überzeugt.“ Nelli wollte ursprünglich gar nicht mit einem Ausländer laufen. „Ich habe kategorisch abgelehnt. Es kam so plötzlich und war ein solcher Schock.“ Aber dann entschied sie, es zu probieren. „Als wir das erste Mal zusammen auf dem Eis waren, war es seltsamerweise gleich viel komfortabler als mit meinem bisherigen Partner. Ich wusste, Alex ist der richtige. Ich bin froh, dass ich nicht so stur war und diesen Schritt gewagt habe“, erzählt die 20-Jährige.



So zog Alexander von Berlin, wo er bis dahin trainiert hatte, nach Moskau. „Ich glaube, er hat zunächst gar nicht begriffen, wie schwer das ist. Die Entscheidung fiel ihm leicht, aber dann hat er gemerkt, was das bedeutet“, sagt die Partnerin. „Ja, jetzt rückblickend habe ich Blödsinn gemacht“, stimmt er lachend zu. „Ganz klar, es war ein Abenteuer. Moskau im Sommer ist auch eigentlich schön. Als dann der kalte Winter kam, dachte ich schon, was hast du dir da angetan, aber sportlich hat es sich ja gelohnt.“ Nur manchmal bereut er seinen Entschluss. „Die Momente sind schon da, wenn du morgens aufwachst oder abends zu Bett gehst und dich fragst, was du hier machst. In Moskau ist wirklich alles komplett anders. Mir ist damals schon der Umzug von Chemnitz nach Berlin sehr schwer gefallen. Ich war noch keine 17, als ich nach Berlin gegangen bin, und da war es das erste Jahr auch grauenvoll mit Heimweh und allem, was dazu gehört.“



Zum Glück kann er bei Nelli auf Verständnis zählen: „Natürlich ist das schwierig. Es ist ja sogar für mich schwierig, und ich lebe in meinem Land, in meiner Stadt, bei meinen Eltern, aber mein Partner spricht eine andere Sprache, kommt aus einem anderen Land und hat eine andere Mentalität. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schwer es für ihn ist. Ich habe gesehen, dass es ihm schwer fällt, aber er hält sich gut“, meint die Moskauerin.



Gazsi hat ein Zimmer an der Jugo-Sapadnaja gemietet, in einer hellen, freundlichen Wohnung, die er sich mit einem jungen russischen Ehepaar teilt. Das Training lässt nicht viel Zeit für andere Dinge. Nelli geht dreimal in der Woche zum Deutschunterricht und hat schon gute Fortschritte gemacht. Alexander spricht inzwischen fließend Russisch, gelernt hat er die Sprache vor allem durch „Fernsehgucken und Nachplappern, wie ein Kind“, wie er sagt. Die größten Sorgen sind finanzieller Art, denn Eiskunstlauf ist ein teurer Sport. Momentan muss Alex von 300 Euro Sporthilfe im Monat leben, aber Miete und Lebenshaltungskosten in Moskau sind hoch. Dazu brauchen die Sportler Schlittschuhe und, besonders wichtig im Eistanz, mehrere Kostüme. „Ein Kostüm für sie kostet etwa 1 000 Euro, für mich etwas weniger.“ Einmal im Jahr werden neue Schlittschuhe fällig – Kostenpunkt um die 600 Euro. Von den Eltern kann der Tänzer kaum Unterstützung bekommen. Zwar gibt es Erstattungen und Zuschüsse für die Ausrüstung, aber zunächst müssen die Läufer alles vorfinanzieren. „Deshalb suchen wir Sponsoren“, betont Gazsi. Aber die zu finden, ist nicht leicht, zumal das Paar in Russland trainiert. Sie dachten daran, nach Deutschland zu gehen, aber sind der Meinung, dass sie dort keinen Trainer fänden, der mit ihnen in der kurzen Zeit soviel hätte erreichen können wie Elena Kustarowa und Swetlana Alexejewa. „In Moskau haben wir ein Team, die Juniorenweltmeister trainieren mit uns zusammen und noch ein Meisterklassenpaar sowie Juniorenpaare. Da ist einfach das Eis voll, da ist jeden Tag Krieg, und das brauchst du ganz einfach. Selbst wenn du alle Eistänzer in Deutschland zusammennehmen würdest, würde niemals eine solche Gruppe zusammenkommen“, erklärt Alexander. Und auch wenn er wegen einer Handverletzung manchmal nur unter Schmerzen trainieren kann, beißt er die Zähne zusammen, um seinen großen Traum zu erreichen: Die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver.



Vom 22. bis 25. November werden Nelli Schiganschina und Alexander Gazsi beim internationalen Grand Prix Wettbewerb „Cup of Russia“ in Moskau starten. Die MDZ verlost vier mal zwei Freikarten an die ersten Anrufer unter Telefon: 937 6547.


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